»Jetzt, jetzt weiß Kraft, was er zu tun hat.« Mit diesem Satz beginnt das beschließende Kapitel des ersten Romans des in München lebenden und aus der Schweiz stammenden Jonas Lüscher mit dem Titel ›Kraft‹. Vorher war Richard Kraft, der Protagonist und Anti-Held des Buches, »erschüttert«, von »tönernen Leere« erfüllt, »Kraft weint«, schwankt »zwischen Selbsthass und Größenwahn« und ist er am Ende weder »Fuchs« noch »Igel«, sondern ein »Stachelschwein«? Lüschers Buch präsentiert einen Mann zerrissen zwischen den Welten: zwischen Optimismus und Verzweiflung, zwischen Heute und Vergangenem, zwischen Narrativem und Quantitativem, zwischen Fuchs und Igel.

Richard Kraft, zweifach promovierter Professor für Rhetorik in Tübingen, stellt sich der Beantwortung einer Preisfrage, die mit einer Million US-Dollar dotiert ist, ausgelobt durch einen Unternehmer des Silicon Valley. In Anlehnung an Leibniz‘ Theodizee-Frage soll in einem 18-minütigen Vortrag beantwortet werden: »Warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch besser machen können?« Das Geld meint Kraft zu brauchen, um sich von seiner Ehefrau und den Zwillingstöchtern ›freikaufen‹ zu können. Lüscher erzählt den zweiwöchigen Aufenthalt Krafts im Silicon Valley bei seinem langjährigen Freund Ivan, der ihn zur Beantwortung der Preisfrage eingeladen hatte. Unter einem Portrait Donald Rumsfelds sitzend und unter dem Lärm einer Putzkraft aufbringenden Mexikanerin leidend, versucht Kraft – ohne Erfolg – dem Dasein für seinen Vortrag etwas Gutes abzugewinnen. Man lernt Kraft kennen und schätzen, seine Vergangenheit, seine oszillierenden Gedanken, seine Zweifel an der Welt und an sich selbst. Die Zweifel schlagen sich nieder im Aufeinanderprallen von »alteuropäischem« Gedankengut mit den Ideen und dem Fortschrittsoptimismus amerikanischer Silicon-Valley-Entrepreneurs: Das eine meint Kraft vertreten zu können und wollen, das andere für den Gewinn der Preisfrage vertreten zu müssen.

Lüscher reflektiert damit seine These von einer »narrativen Gesellschaft«, die in Widerstreit mit dieser »quantifizierenden Gesellschaft« zu stehen scheint, welche er nicht nur in ›Kraft‹ angeht, sondern auch schon in ›Frühling der Barbaren‹, seiner ersten Novelle von 2013, angegangen war. Lüscher arbeitete selbst in Stanford an einer Dissertation über eine »narrative Gesellschaft«, aus der am Ende zwar keine Promotion, dafür aber dieses wichtige Buch wurde. Wichtig ist es deshalb, weil es das Innenleben eines Suchenden darstellt, einer Person, die ihr Leben als gescheitert empfindet, die nach Promotion in zwei Fächern und Studium von Volkswirtschaft, Philosophie, Germanistik und Geschichte mehr zweifelt denn je und sich vor dem Ende des Buches für ein »Stachelschwein« hält: Nach einem Essay von Isaiah Berlin bestehe der denkende Teil der Weltbevölkerung aus Igeln und Füchsen; die einen unterwürfen alles Denken einem universalen Prinzip und verschrieben sich damit einem System, welches ihrer Existenz Bedeutung verleihe; die anderen gingen unsystematisch vor und ergriffen »das Wesen einer großen Vielfalt von Erlebnissen und Gegenständen um ihrer selbst willen« ohne auf ein widerspruchfreies und beständiges Ganzes zu hoffen. Zwischen diesen Standpunkten sieht sich Richard Kraft, zerrissen und allmählich an seinem Verstand und Erinnerungsvermögen zweifelnd. Schließlich entpuppt er sich doch als Fuchs und findet einen Ausweg aus seiner Misere, den so weder Igel noch Stachelschwein genommen hätten.

Freude durch ›Kraft‹ werden zumindest die haben, welche sich für die Professionen des Antihelden interessieren: Die Historiker freuen sich über die wiederkehrenden zeitgeschichtlichen Passagen, die Lüscher mit Akribie und Detail nachzeichnet und in seine Erzählung einbaut, etwa den Kniefall Willy Brandts, Ronald Reagans Besuche in Berlin, das Konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (»Bonner Kanzlersturz«) oder das Konzert David Hasselhoffs bei ›Fall‹ der Berliner Mauer. Die Germanisten sollten sich durch Lüschers geschickten und unkonventionellen Gebrauch der Deutschen Sprache angesprochen fühlen – er schafft es, entgegen allen gängigen Stillehrbüchern, Sätze in Länge von 22 Zeilen zu bauen, die sich gleichviel gut und gerne lesen lassen. Die Philosophen werden allein durch die Fuchs-Igel-Stachelschwein-Problematik auf ihre Kosten kommen. Die sich aufbauende Hinterfragung von wirtschaftsliberalen Standpunkten hin zu unverhohlener Kapitalismuskritik dürfte vor allem die Wirtschafts-Interessierten beschäftigen, wenn nicht provozieren.

Kurzum: ›Kraft‹ ist seiner Schlankheit ein gehaltvolles Buch, das auf mehreren Ebenen funktioniert, unterschiedliche Interessen befriedigt, aktuelle und ewige Themen anspricht und nicht zuletzt unheimliche Freude beim Lesen bereitet.

Jonas Lüscher, Kraft, München 2017.

C.H.Beck, 237 Seiten, gebunden, EUR. 19,95, ISBN 978-3-406-70531-1