Eine neuere Gesamtdarstellung der Amerikanischen Revolution in Deutscher Sprache ließ lange auf sich warten, nun präsentiert Michael Hochgeschwender eine solche und berücksichtigt Aspekte, die bislang in allgemeinen Darstellungen fehlten. Hochgeschwender forscht zu Nordamerikanischer Kulturgeschichte, Empirischer Kulturforschung und Kulturanthropologie an der LMU München und hat u. a. über amerikanische Sklaverei, Religion und den Bürgerkrieg publiziert.

In der Einleitung (S. 7–23) wird die Relevanz der Amerikanischen Revolution erklärt, in knappen Zügen die Historiographiegeschichte nachgezeichnet und es werden Fragen aufgeworfen, die das Buch beantworten will: die Rolle bisher vernachlässigter sozialer Gruppen, nämlich von Frauen, schwarzen Sklaven und Indianern; das Verständnis der Akteure von Begriffen wie Freiheit, Gleichheit und Rechten; die Zusammensetzung dieser Akteure und – nicht zuletzt – die Rolle und Perspektive der Briten.

Das Buch gliedert sich dann in fünf Abschnitte; die ersten drei erzählen zum einen weitgehend chronologisch die Ereignisse, zum anderen sind Kapitel und Passagen eingestreut, die kultur- und sozialgeschichtliche Themen aufgreifen. Der vierte Abschnitt will eine »Kulturgeschichte des Unabhängigkeitskrieges« darstellen; der fünfte die Nachwirkungen der Revolution, wobei hier die kultur- und sozialhistorische Ebene den Schwerpunkt bildet und von ereignisgeschichtlicher Darstellung unterbrochen wird.

Es beginnt im ersten Abschnitt (S. 24–107) 1763 mit den britischen Kolonien in Nordamerika, um die strukturellen Bedingungen der Revolution zu erfassen. Kron-, Charter- und Eigentümerkolonien stellten die 13 Siedlungsgebiete dar, die durch Großbritannien mittels eines wise and salutary neglect behandelt wurden. Die soziale Zusammensetzung dieser Kolonien behandelt Hochgeschwender ebenso wie den Siebenjährigen Krieg, jenen mit ereignisgeschichtlichem Schwerpunkt. Unter »Transatlantische Diskurslandschaften« werden sodann Ideen und Ideale, Verbindendes und Trennendes auf beiden Seiten des Atlantiks vorgestellt, Schwerpunkte sind hier: Druck- und Vervielfältigungsmethoden, Lese- und Schreibfähigkeit der nordamerikanischen Bevölkerung, Briefkultur, die Auseinandersetzung zwischen Tories und Whigs, der Freiheits- und Eigentumsbegriff des 18. Jahrhunderts, Republikanismus, Religiosität und Antikatholizismus. Ein Blick auf die Lage der Verfassung beschließt den ersten Abschnitt.

Die sog. Stamp-Act-Krise, die Entwicklung zwischen Townshend Duties und Boston Massacre, weitere Gesetze, welche die Kolonisten erzürnten, und die sog. Boston Tea Party, schließlich die Gewalteskalation bei Lexington und Concord und das erste Jahr des Unabhängigkeitskrieges sind die Themen des zweiten Teils (S. 108–188), mit Schwerpunkt auf ereignisgeschichtlicher Schilderung.

    Im ersten Kapitel des dritten Abschnitts (S. 189–266) geht es zunächst um Thomas Paines ›Common Sense‹ und seiner Katalysatorwirkung, dann um die Verfassungsstreitereien, die aufkeimende  Idee der Unabhängigkeit, das Verhältnis zu anderen europäischen Mächten neben dem Mutterland, schließlich um die Unabhängigkeitserklärung und die ›Articles of Confederation‹. Das zweite Kapitel nimmt die Streitkräfte des Unabhängigkeitskrieges in Augenschein, auf britischer Seite mit Schwerpunkt auf den Hessischen Söldnertruppen, auf amerikanischer mit Schwerpunkt auf Milizen und Kontinentalarmee. Nach diesen ideen- und sozialgeschichtlichen Kapiteln folgen zwei ereignisgeschichtliche, die den Kriegsverlauf 1776–1781 und die Entstehung und Wirkung des Pariser Friedens erzählen.

In sieben Kapiteln widmet sich Hochgeschwender im vierten Abschnitt (S. 267–344) der Kulturgeschichte des Unabhängigkeitskrieges. Den »lange vernachlässigten« Tross als »multifunktionales Gebilde« behandelt er ebenso wie das Lagerleben, Verwundung, Krankheit und Tod im oder durch den Krieg. Ein eigenes Kapitel widmet er der Ökonomie des Krieges: Großbritannien mit einem durchdachten und belastbaren Steuersystem auf der einen Seite, die finanziell schwachen USA auf der anderen Seite. Zwar sei die Produktion kontinuierlich gestiegen, aber die Finanzierung des Krieges stellte ein großes Problem dar; aus Angst vor Steuerrevolten mussten andere Quellen ausgemacht werden, Inflation und (kaum gewährter) Kredit ließen die jungen USA 1779/80 faktisch pleite gehen. Sodann widmet sich Hochgeschwender den bislang vernachlässigten Minderheiten; er untersucht die Rolle der Frauen in der Revolution ebenso wie die der Loyalisten und Unentschlossenen (die zusammen immerhin 35–40 Prozent der nordamerikanischen Bevölkerung ausgemacht haben!), schwarzen Sklaven (die Briten haben durch ihre Politik der Anwerbung eine »Revolution innerhalb der Revolution« ausgelöst; zudem sei durch die Partizipation befreiter Sklaven und die zunehmend kritische Haltung vieler Nordstaaten ungewollt die »strukturellen Vorbedingungen für den Amerikanischen Bürgerkrieg« geschaffen worden) und Indianern (für sie hatten Revolution und Krieg buchstäblich vernichtende Folgen).

Die letzten knapp hundert Seiten sind den Nachwirkungen im weitesten Sinne gewidmet (S. 345–442). Zwei ideen- bzw. sozialgeschichtliche Kapitel haben die Identität der US-amerikanischen Gesellschaft, die soziale Zusammensetzung, Wirtschaft, Alkoholismus, Religion, Sozialkonflikte und im Schwerpunkt die Verfassungsdiskussion zum Gegenstand, letztere mit der Auseinandersetzung zwischen den ›Federalist Papers‹ und den ›Anti-Federalists‹ – einem publizistischen Schlagabtausch politischer Gruppierungen, der das Zwei-Parteien-System der heutigen USA im Grundsatz begründete. Dem Parteien-System und der politischen Kultur geht das folgende Kapitel nach, bevor im vorletzten Kapitel die West-Expansion und der Krieg gegen Großbritannien ab 1812 erzählt wird. Erst mit dem Frieden 1814/15 sei die Revolution zu Ende gegangen, weil ab diesem Zeitpunkt »Politiker neuen Typs« die Bühne betreten haben und sich die Welt der 1820er Jahre »dramatisch« von der Zeit der Gründerväter unterschieden habe. Im finalen Kapitel geht es um die Erinnerung an die Revolution in der modernen Populärkultur.

Am Ende fragt Hochgeschwender danach, wer denn ein »amerikanischer Patriot« sei und macht viele politische Richtungen aus, die sich der Amerikanischen Revolution bedienen, um diese Frage zu beantworten: der conservative ebenso wie der liberal, radical, progressive und populist. Gleich welche politische Couleur – der Gründungsmythos der US-Amerikanischen Nation hat bis heute konstitutive Funktion. Die Revolution habe ein unfertiges und ambivalentes Staatswesen hervorgebracht. Deshalb ermöglicht die Lektüre von Hochgeschwenders Buch ein besseres Verständnis dieser bis heute höchst ambivalenten Gesellschaft – vielleicht gerade im Hinblick auf die Präsidentschaft eines Donald Trump. Das gelingt ihm nicht nur über die rundum überzeugende Syntheseleistung, sondern auch über interessante Schwerpunktsetzung, sprachliche Qualität und das Neben- und Miteinander unterschiedlicher geschichtswissenschaftlicher Ebenen: Ereignis-, Sozial- und Kulturgeschichte der Amerikanischen Revolution sind ansprechend und überzeugend miteinander verknüpft. Mehrwert hält das Buch durch seine Auseinandersetzung mit bisher vernachlässigten Themen bereit, namentlich die Rolle von Frauen, schwarzen Sklaven und Indianern in der Revolution und durch den Blick auf Großbritannien. Auf die Abbildungen wird häufig (nicht immer) Bezug genommen; in die Anmerkungen sind nur gelegentlich inhaltliche Ergänzungen und Kommentierungen eingeflochten, meist dienen sie schlicht dem Nachweis; die Bibliographie verzeichnet deutsch- und englischsprachige Literatur, wobei letztere die deutliche Mehrheit ausmacht; auf die sieben im Anhang abgedruckten Karten wird leider nicht verwiesen.

So muss Literatur mit geschichtswissenschaftlichem Anspruch aussehen, wenn sie nicht Spezialstudie sein will.

C.H. Beck; 512 Seiten, 28 Abb., sieben Karten, Anmerkungen, Bibliographie, Register; gebunden, mit Lesebändchen; ISBN 978-3-406-65442-8

PDF: Michael Hochgeschwender, Die Amerikanische Revolution