C.H.Beck; 280 Seiten, zwei Karten, Anmerkungen, Glossar, Werkübersicht [Thukydides], Bibliographie, Namens-, Orts- und Sachregister; gebunden; ISBN 978-3-406-68217-9

 

Laut ›Danksagung‹ (S. 271) habe das Buch der Lektor des Verlags, Stefan von der Lahr, angeregt. Das Werk ist mithin ein Beispiel für die These Olaf Blaschkes, wonach häufig Verleger (hier repräsentiert durch den Lektor) für Geschichtsschreibung condicio sine qua non seien (vgl. Olaf Blaschke, Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Göttingen 2010).

Es ist naheliegend, als ausgewiesener Experte der Perserkriege, über den wichtigsten Quellenlieferanten dieses für die Griechische Geschichte so wichtigen Ereignisses zu publizieren. Wolfgang Will, Privatdozent für Alte Geschichte in Bonn, schreibt indes nicht nur über den pater historiae (Cicero) – Herodot von Halikarnassos –, sondern auch über dessen ›Nachfolger‹ Thukydides. Will, der im selben Verlag schon über die Perserkriege publiziert hat, wählt ein spannendes Vergleichs-Raster für »Anfänge und Höhepunkt« der griechischen Geschichtsschreibung: In jedem Kapitel untersucht er die Werke der beiden Historiker nacheinander und im direkten Vergleich nach den Kriterien Methode (S. 72–82), Sprache (S. 83–91), Darstellungsmittel (S. 92–114), Gesellschaft (S. 115–156), Krieg (S. 157–183), Menschenbild (S. 184–210), Höhepunkte der Werke (S. 211–227), Abschluss und Fazit (S. 228–236) und schließlich Rezeption (S. 237–245). Das Buch will neben dem Vergleich eine Einführung bieten und insbesondere anregen, die beiden Historiker zu lesen (S. 8).

 

 

Die Idee des Vergleichs ist indes alt: Die Römer schon haben sie verglichen, nach Inhalt, Stil und Reden (Cicero) und die Bildende Kunst mittels der Doppelherme von Neapel, worin die Gemeinsamkeiten der Historiker in einem siamesischen Doppelportrait ihren Niederschlag fanden.

            Die sehr lange Einführung (S. 11–71) gibt zunächst einen historischen Überblick über die Perserkriege und den Peloponnesischen Krieg (S. 11–44), dann über Entstehung und Inhalt der beiden Geschichtswerke (Werkgenese und Inhaltszusammenfassungen der Bücher); es folgen Kurzbiographien der Autoren und schließlich Begründung und Zielsetzung der Werke, welche Will über die Vorwörter ergründet: Herodot als »Wahrer des Gedächtnisses« (S. 67) über die Taten der Griechen und Barbaren (= Perser) und Thukydides als Zeithistoriker des Peloponnesischen Kriegs, in Konkurrenz zu seinem Vorgänger Herodot, nämlich den wichtigeren Krieg zu schildern, aber auch in methodischer Überlegenheit. Er schildert die griechische Vergangenheit im weiteren und engeren Sinn in der Archäologie: die Zeit des Trojanischen Krieges und die Zeit zwischen Tyrannis und Beginn des Peloponnesischen Krieges.

            Die ›Methoden‹ werden hinsichtlich des Umgangs mit Augen- und Ohrenzeugen und Chronologien untersucht. Das Kapitel ›Sprache‹ hat Stil, Sprache und Komposition zum Thema; bei Herodot wird festgestellt, er habe zwischen »Plauderton« und »wissenschaftlicher Ausdrucksweise« changiert, bei Thukydides herrsche hingegen »Faktengeschichte von einer strengen Einheit« (S. 84). Gnomen und Sentenzen kommen bei Herodot zahlreich vor, bei Thukydides noch häufiger, aber weniger bedeutsam. Die ›Mittel der Darstellung‹ umfassen beim älteren Historiker noch Träume und Orakel, bei Thukydides bleiben diese historisches bzw. politisches Phänomen. Auch der Warner kommt stärker bei Herodot vor, nur in abgeschwächter Form bei seinem Nachfolger. Die Reden (Gespräche und direkte und indirekte Rede) seien bei beiden Historikern von besonderer Bedeutung, wohingegen Humor bei Herodot als »Vorzeichen einer sich anbahnenden Katastrophe« (S. 109) durchaus eine Funktion erfüllt – bei Thukydides hingegen werde überhaupt nicht gelacht.

            Das fünfte Kapitel stellt einen Vergleich der Darstellungen beider Historiker hinsichtlich Gesellschaft und Verfassung von Athen und Sparta an, der Macht des Geldes (mit politischer Bedeutung bei Herodot, als »Schmiermittel der Kriege« (S. 142) bei Thukydides, der Barbaren und –verhältnismäßig umfangreich – des Frauenbildes der beiden Historiker (S. 149–158). Bei letzterem divergieren die beiden sehr; bei Herodot würden Frauen zwar primär in ihren traditionellen Rollen als Mutter, Gattin oder Tochter auftreten, aber mit Artemisia würde eine Frau als der »einzige Held der Historien ohne Makel« (S. 154) auftreten. Bei Thukydides treten Frauen nur (!) als Leitragende der Kriegsgeschehnisse auf, nicht als handelnde Personen. Will räumt der Darstellung der ›Gesellschaft‹ breiten Raum ein. Auch der ›Krieg‹ findet mit den Unterkapiteln zu Schlachtenberichte, Unheil & Leid und Helden viel Platz im Buch. Das siebte Kapitel ›Der Mensch‹ beginnt mit dem Einfluss von Götterglauben und Sophistik auf die Werke Herodots und Thukydides‘ – bei ersterem stellt Will eine Übergangszeit und einen Wandel der religiösen Vorstellungen fest, bei letzterem einen stärkeren Einfluss der Sophistik einerseits, eine bloße Randexistenz der Götter als »Spielball der Propaganda« (S. 187) ohne wirkende Kraft andererseits. Ansätze zur biographischen Gestaltung fänden sich bei beiden Historikern, bei Herodot mittels der Darstellungen von Kyros und Kambyses, bei Thukydides mittels der Doppelbiographie von Themistokles und Pausanias. Für das Menschenbild bei Herodot diene die Kroisos-Episode als »Exempel der Herodoteischen Weltanschauung« (S. 197), Kroisos verkörpere das »Wirken einer gerechten Weltordnung« (S. 204). Bei Thukydides stellt Will die Pathologie ausführlich vor, da sie die Pleonexia, das Mehrhabenwollen, und die Philotimia, die Ehr- und Ruhmsucht, als Eigenschaften, die den Menschen ausmachten, beinhaltet.

            Kapitel 8 stellt die ›Höhepunkte‹ beider Werke dar, bei Herodot die sogenannte Kronratszene, bei Thukydides den sogenannten Melier-Dialog. Besonders den Dialog stellt Will detailliert vor, mit Vorgeschichte und Analyse des Dialogs selbst und schließlich einer Würdigung (S. 217–227). ›Abschluss und Fazit‹ stellt eine Art Resümee dar, in dem merkwürdigerweise die Reihenfolge umgekehrt wird: Zuerst widmet sich der Autor der »inneren Biographie« des Thukydides, der sich von einem Kriegsbefürworter zu einem Lehrer entwickelt habe, der den Krieg letztendlich zumindest kritisch sieht und unter Verzicht auf Kommentierung den Leseer zur eigenen Leistung auffordere, nämlich seine Berichte und widerstreitenden Positionen kritisch zu betrachten und eigene Schlüsse zu ziehen. Für Herodot betrachtet er die beiden Schlusskapitel, welche sich als Fazit lesen lassen, aber dennoch keinen allgemein akzeptierten Abschluss bilden. Das zehnte Kapitel stellt schließlich auf sehr knappem Raum die ›Rezeption‹ der Werke von der Antike bis zur Neuzeit vor, bevor das Buch mit einem knappen Resümee schließt.

 

 

Will erreicht sein Vorhaben: Der Leser wird in das Werk der beiden Historiker fachkundig eingeführt, er erfährt die nötigen Hintergründe und kann wichtige Stellen als Zitat – stets mit Fundstelle – nachlesen. Erleben kann er einen systematischen Vergleich, der die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in den Werken Herodots und Thukydides‘ herausarbeitet. Und in der Tat bekommt der Leser Lust, sich den Werken selbst zuzuwenden, um zu überprüfen, ob die hier gemachten Beobachtungen zutreffen. Das nötige Augenmerk und eine hilfreiche Sensibilisierung, gepaart mit solidem Hintergrundwissen, lässt auch die Scheu und Unsicherheit fallen, die mit einer Lektüre dieser beiden wichtigen Historiker verbunden ist.

            Der Leser erhält ein schön gesetztes Buch, ohne Abbildungen, aber mit zwei sinnvollen Karten zu den Perserkriegen und zum Peloponnesischen Krieg. Ein Glossar ist ebenso enthalten wie eine umfangreiche Bibliographie, die hauptsächlich englisch- und deutschsprachige Titel umfasst. Die knappen Anmerkungen verweisen vor allem auf die Quellen, geben aber auch Fundstellen in der Literatur an, wobei die wörtlich zitierten Quellen im Fließtext nachgewiesen sind. Wissenschaftliche Kriterien erfüllt das Buch damit allemal. Etwas knapp ist das Kapitel über die Rezeption ausgefallen, schade ist zudem, dass Aussagen zum Verschriftlichungsprozess der Werke nahezu vollständig fehlen: Wie haben sich die Werke bis in die Scriptorien des Mittelalters erhalten, wie und worauf schrieben Herodot und Thukydides, schrieben sie überhaupt?  

PDF: Herodot und Thukydides