C.H.Beck; 352 Seiten, 17 Abbildungen, zehn Karten, 14 Herrscherlisten, Anmerkungen, Zeittafel, Bibliographie & Personenregister; broschiert; ISBN 978-3-406-67911-7

 

Die schwierige Darstellung des Hellenismus hat der Stuttgarter Althistoriker Peter Scholz für die Reihe ›C.H.Beck Geschichte der Antike‹ übernommen. Unter ›Hellenismus‹ soll ein »langfristiger politischer Integrations- und Akkulturationsprozess« (S. 14) verstanden werden. In den Hellenismus-Begriff schließt Scholz die Zeit Philipps II. und Alexanders des Großen mit ein. Besonderes Augenmerk will der Autor legen auf den Hof als Zentrum der politischen und kulturellen Macht, wobei traditionelle »Kriegs- und Dynastiegeschichte« (S. 10) den Schwerpunkt bilden soll, was der Quellenüberlieferung geschuldet sei, aber auch Platzgründe habe. Alle Autoren sehen sich hier ähnlichen Problemen gegenüber – die bloße Anzahl der beteiligten Personen und der rasche Wechsel derselben machen eine konzise und übersichtliche Darstellung umso schwieriger.

 

 

Nach einer Einleitung (»I.«) beginnt im ersten Kapitel (»II.«) die Darstellung der Politikgeschichte mit den Grundlagen der hellenistischen Herrschaften, repräsentiert durch das Wirken Philipps II. und Alexanders des Großen (S. 15–89). Zunächst sei es Philipp II. um die »Bewahrung des Status quo und die persönliche Sicherung des Königtums« (S. 20) gegangen. Dies gelang, darüber hinaus aber auch eine enorme Machterweiterung Makedoniens, politisch-militärisch (Thrakien, die Chalkidike) und institutionell (Rat der Amphiktyonie, privilegierte Behandlung beim Orakel von Delphi). Bevor sich Philipp der »maßvollen Idee der Befreiung der Griechen von der Perserherrschaft« (S. 28) zuwandte, machte er sich nach Zentralgriechenland auf und Griff in die inneren Verhältnisse der Poleis ein und besiegte bei Chaironeia Athen und Theben – dies sei u. a. einer Neuordnung des Heeres zu verdanken gewesen. Dann wandte er sich Kleinasien zu und gründete zu diesem Zweck den Korintischen Bund, ließ sich zum strategòs autokrátor wählen und plante den Angriff auf Persien.

Er fiel jedoch einem Attentat zum Opfer und sein Sohn, Alexander, nahm seine Stelle ein und schlug ersteinmal aufbrechende Unruhen unter den Thrakern, Paioniern und Illyrern nieder und konsolidierte sehr schnell die makedonische Herrschaft. Zentralgriechische Erhebungen beantwortete er mit der völligen Zerstörung Thebens (bis auf das Haus des Pindar). Er wandte sich dann der »maßlosen Idee von der Eroberung des gesamten Perserreiches« (S. 41) zu. Auf etwa 50 Seiten schildert Scholz die Feldzüge Alexanders (Übergang nach Kleinasien und Besuch Trojas; Schlacht am Granikos; Befreier und Rächer der griechischen Poleis; der Issos-Sieg und seine Folgen; Zug nach Ägypten und Tod des Dareios III.; die Entfremdung zwischen Alexander und den Makedonen; die Integration anderer Ethnien in das makedonisch-griechische Herrschaftssystem; Tod der Personen, die Alexander nahestanden; schließlich letzte Pläne und das Fortleben Alexanders.

Das zweite Kapitel (»III.«, S. 90–179) bildet den Schwerpunkt der Darstellung und behandelt den Zerfall des Alexander-Reiches und die Etablierung der Hellenistischen Dynastien der Diadochen. In unzähligen Kriegen und Auseinandersetzungen untereinander stritten die Nachfolger und Generäle Alexanders um den Fortgang des Großreiches, zumal weil dieser eine völlige Unklarheit der Nachfolge hinterlassen hatte: Zunächst wird der Lamische Krieg geschildert, dann der erste Krieg der Generäle untereinander, dann die Aufteilung des Reiches im Sommer 320 v. Chr. und der sich anschließende zweite Diadochenkrieg, schließlich der Kampf um Griechenland zwischen Polyperchon und Kassandros, der sich um die Führung in Athen und Makedonien drehte.

Das zweite Unterkapitel hat die »Begründung der Königsherrschaften« (S. 108) zum Thema und beginnt mit dem dritten Diadochenkrieg. Danach nahmen Demetrios und Antigonos als erste Generäle des großen Alexander die von den Athenern angetragenen Königstitel an und bekundeten damit ihre »Vorrangstellung unter den Diadochen« (S. 117). Im Jahr darauf – 305/304 – taten es ihnen Seleukos und Ptolemaios gleich. Damit sei zwar nicht der Anspruch auf das gesamte Alexanderreich verbunden gewesen, aber eine Verfestigung der Herrschaft in einem bestimmten Gebiet. Die Seiten 124–153 stellen die Festigung der Diadochenherrschaften dar: die Übernahme des makedonischen Throns durch Demetrios und dessen Vertreibung, die Aufteilung Makedoniens unter Pyrrhos und Lysimachos, die Kelteneinfälle, die Antigonos Gonatas zur Etablierung seiner Herrschaft nutzte, den Pyrrhos-Krieg und den Chremonideischen Krieg. Hierbei resümiert Scholz, dass »für viele Phänomene der hellenistischen Zeit« gelte, sie stellten »nur eine Episode« dar (S. 152).

Das vierte Unterkapitel geht den übrigen hellenistischen Dynastien nach (Pergamon, Bithynien, Pontos, Armenien usw.), den Seleukiden im Vorderen Orient und insbesondere den Ptolemäern in Ägypten. Scholz bietet hier – ausnahmsweise – eine strukturgeschichtliche Darstellung zur Wirtschaftspolitik, Verwaltung und zu Alexandreia als »Ausgangs- und Mittelpunkt des politischen und wirtschaftlichen Lebens« (S. 169). Danach setzt sich die Politikgeschichte um Syrien und Makedonien nach dem Tod des Antigonos Gonatas fort.

Das sehr kurze dritte Kapitel (»IV«, S. 180–195) widmet sich erstmals der Strukturgeschichte – den »übergreifenden Aspekten« der »Legitimation und Repräsentation der Herrscher« (S. 180), dem Verhältnis der Herrscher zu Städten und Öffentlichkeit sowie den Führungsschichten innerhalb der Poleis.

Das vierte Kapitel (»V.«, S. 196–278) bildet den zweiten Schwerpunkt und macht die Verquickung der Geschichten des Hellenismus und Roms deutlich. Der erste Römisch-Makedonische Krieg unter Philipp V. und die Freiheitserklärung der Griechen durch Flaminius bilden ebenso Schwerpunkte, wie die Herrschaft des Antiochos III. und das »Ptolemäische Chaos« und die Neuordnung unter Ptolemaios V. bis zum Frieden von Apameia (188 v. Chr.). Das vierte Unterkapitel trägt die Bezeichnung »Der Dritte Makedonische Krieg und Perseus« (S. 231), diese ist aber insofern verwirrend, als dass noch weitreichendere ereignisgeschichtliche Themen hier abgehandelt werden: etwa die Ereignisse nach dem Tod des Antiochos III. und der Niedergang des Seleukidenreiches, Pergamon nach 168 v. Chr., das Seleukidenreich zwischen 168 und 129 v. Chr., das Ptolemäerreich bis 101 v. Chr., die Vererbung des Attalidenreiches an Rom und schließlich das »Ende der Ptolemäerherrschaft und der hellenistischen Königswelt« (S. 272).

Das letzte Kapitel (»VI.«, S. 279–301) vor dem Fazit (S. 302–308) hat Herrscherehrung und Religion sowie griechische Kultur und Bildung sowie deren Ausbreitung zum Gegenstand – wiederum als »übergreifende Aspekte«.    

 

 

Es ist nicht leicht verständlich, warum Scholz seine Darstellung des Hellenismus auf traditionelle Kriegs- und Dynastiegeschichte konzentriert. Erstens weil eine solche Herangehensweise eine konzise Darstellung der Thematik schwierig macht, zweitens weil verschiedene Stellen des Buches beweisen, dass es auch anders möglich ist (S. 162–171, 180–195, 279–301), drittens wäre der »bedauerliche Verzicht auf nähere Einblicke in regionale Entwicklungen und die Ausbreitung der griechischen Kultur, Literatur, Philosophie, Religion, Kunst und Architektur« (S. 11) gar nicht erforderlich gewesen – was die eben zitierte Stelle im Umkehrschluss beweist. Diese Entscheidung des Autors für eine klassische Politikgeschichte hat leider zur Konsequenz, dass weite Teile des Buches durch die vielen Namen und Herrscherwechsel, Schlachten und Friedensverträge in ihrer doch detaillierten Darstellung ermüdend sind – ganz anders die Passagen zum ptolemäischen Ägypten (S. 162–171) und die beiden Kapitel zu den übergreifenden Aspekten (S. 180–195, 279–301): Diese strukturgeschichtlichen Teile des Buches unterbrechen die ermüdende Aufzählung von Namen, Daten und Ereignissen und sind darüber hinaus deutlich interessanter als die Abfolge politischer (Militär-)Ereignisse.

Lob verdienen die »Hinweise zu Forschung und Literatur« (S. 326–346), wo das Schrifttum nach Themen geordnet und kommentiert (!) aufgestellt ist – leider korrespondieren damit die (knappen) Anmerkungen nicht in optimaler Weise: Dort sind nur Kurztitel aufgeführt, die auf die Bibliographie verweisen, diese ist jedoch nicht nach Kapiteln, sondern eben nach Themen sortiert, was das Auffinden der vollständigen bibliographischen Angaben jedem erschwert, der nicht mit der einschlägigen Literatur vertraut ist – ein echtes Manko. Hilfreich sind die Karten (in gewohnter Beck’scher Qualität), Herrscherlisten und die Zeittafel für einen raschen Überblick.  

Scholz hätte besser einen struktur- bzw. kulturgeschichtlichen Ansatz gewählt. Zudem trifft es der Untertitel »Der Hof und die Welt« nicht, denn weder steht der ›Hof‹ der Diadochenherrschaften im Mittelpunkt (denn damit muss anderes gemeint sein, als die Personen der hellenistischen Herrscher und Könige), noch wird die Welt als »in räumlicher und zeitlicher Hinsicht zersplittert« (S. 9) im Schwerpunkt dargestellt. Gleichviel ist ihm eine gute Einführung in die (Politik-)Geschichte des Hellenismus gelungen – trotz des Synthesecharakters der Darstellung ist sie quellennah, diese werden häufig zitiert und stets nachgewiesen, womit das Buch auch im wissenschaftlichen Kontext bestehen kann. Schon die kommentierte Bibliographie lohnt jedem die Anschaffung und Lektüre, der sich näher mit dem Hellenismus befassen möchte.

PDF: Der Hellenismus