C.H.Beck; 128 Seiten, Literaturhinweise, Personenregister; ISBN 978-3-406-67507-2

Dieter Hein, Professor für Neuere Geschichte in Frankfurt am Main, hat nun die klaffende Lücke der Reihe ›Deutsche Geschichte‹ im ›Beck-Wissen‹-Katalog für das 19. Jahrhundert geschlossen. Zu Beginn seiner Darstellung stellt er fünf Leitfragen auf: nach dem Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Veränderung zum ersten, nach den Trägern der neuen Ordnung, nach der Staatsform dieser modernisierten politischen Ordnung, nach Einklang zwischen Religion und den Erfordernissen der modernen Welt, fünftens nach dem Charakter des Wandels selbst. Diese Fragen will Hein zwar nicht auf 130 Seiten beantworten, den Leser aber ermuntern, sie bei der Lektüre im Kopf zu behalten. Das 19. Jahrhundert gliedert er in drei Zeitphasen, deren chronologischer Abfolge auch der Aufbau des Buches gehorcht.

Der erste Teil behandelt das »revolutionäre Zeitalter« zwischen 1789 und 1848, zunächst den »Aufbruch aus der ständischen Welt« (S. 12–16: das statische geburtsständische Prinzip, Auslöser und Ursache von dessen Ende, demographischer Wandel, geographische und soziale Mobilität). Dann die Wirkung der Französischen Revolution in Deutschland, die Revolutionskriege, preußische und rheinbündische Reformen, den frühen Nationalismus, den Wiener Kongress und schließlich die sog. Restauration mit dem »System Metternich«, die aber in den Einzelstaaten ein »wesentlich differenzierteres Bild« geboten habe (S. 32). Es folgt eine Untersuchung der neuen bürgerlichen Gesellschaft: Hein zeigt die Dynamik aus der Verbindung zwischen Liberalisierung und technischer Innovation auf, stellt das Bildungsbürgertum dar, die Tendenz zur Proletarisierung und die »zunehmende Auflösung der ständischen Ordnung« (S. 39), die soziale Entwicklung und »kurzfristige Krisensymptome« (S. 42). Die Seiten 42 bis 57 handeln Vormärz und Revolution 1848/49 ab, was in dieser Kürze erstaunen mag, da Hein bereits einen Wissen-Band zur Revolution beigesteuert hat, dies andererseits aber die Kürze der Darstellung eben erklären kann. Trotz des letztendlichen Misserfolgs der ›deutschen‹ Revolution hält Hein fest, dass Preußen zum Verfassungsstaat geworden, die Agrarreformen zum Abschluss gekommen und der »Reformstau« ein für allemal beendet worden sei.

Im zweiten Teil skizziert Hein »Das industrielle Zeitalter (1840–1880)«, welches er in mehrfachem Sinn »als zentrale Epoche des 19. Jahrhunderts« (S. 58) ausmacht. In zwei sozialgeschichtlichen Kapiteln werden »Industrie und Marktwirtschaft« (S. 58–67) sowie der »Weg zur Klassengesellschaft« (S. 67–78) behandelt. In der nötigen Kürze stellt Hein die Reichsgründung in einem dritten, ereignisgeschichtlichen Kapitel (S. 78–91) dar.

Der dritte Teil ist mit »Das industrielle Zeitalter (1871–1914)« überschrieben. Hein stellt darin zunächst die Ereignisgeschichte der deutschen Außenpolitik in Europa und der Welt dar, Bismarcks Bündnispolitik, die Kolonial- und Schlachtflottenpolitik, die Agitationsverbände, den übersteigerten Nationalismus und schließlich die »Politik des kalkulierten Risikos« (S. 103) im Rahmen der Juli-Krise und des Beginns des Weltkriegs – interessanterweise werden die Diskussionen um den Kriegsausbruch und die Verantwortung dafür der letzten beiden Jahre (Stichwort: »Schlafwandler«) fast völlig übergangen (S. 91–103). Wieder mehr sozialgeschichtlich ist das folgende Kapitel konzipiert, das diese Themen abhandelt: Verfassung und bundesstaatliche Ordnung des Reiches, Kulturkampf (allzu knapp leider), Gründerkrach und Wirtschaftskrise, Antisemitismus, innenpolitischer Kurswechsel Bismarcks, Sozialversicherung, das Ende Bismarcks und die Politik seiner Nachfolger, Wilhelm II. und dessen dilettantische Politik, schließlich die »Fundamentaldemokratisierung« (S. 104–115). Das letzte Kapitel widmet sich dem »Durchbruch der Moderne« (S. 115–125) und thematisiert die Hochkonjunktur zwischen 1890 und 1914, neue Branchen & Unternehmensstrukturen, die Angestellten, die Kartelle, den Wandel von einer Agrar- zu einer Industriewirtschaft, die Verstädterung, die Sozialprobleme der Großstadt, die allgemeine Kultur- und Revolutionskritik der Zeit und abschließend den beschleunigten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel.

Dieter Hein ist eine Synthese des deutschen 19. Jahrhunderts gelungen, die in überzeugender Weise die wichtigsten Themen zusammenfasst und mittels seiner Epocheneinteilung und Schwerpunktsetzung auch Akzente setzen kann. Thesen greift er auf und verwirft sie gelegentlich, etwa die Charakterisierung der politischen Revolution und des ökonomischen Umbruchs als »Doppelrevolution« (Hans-Ulrich Wehler) auf S. 12. Freilich vermisst man maches oder hätte ihm mehr Raum gewünscht: Die Revolution 1848/49 wird allzu kurz abgehandelt, was im Grunde nur mit Heins Büchlein in der Reihe ›Beck-Wissen‹ erklärbar ist. Der sog. Herero-Krieg, überhaupt der Umgang mit den Deutschen »Schutzgebieten« kommt zu kurz, völlig fehlt die Einführung des BGB im Jahr 1900, einem Gesetz, das in vielfältiger Weise die revolutionäre Zeit mit der unsrigen verbindet. Auch die Leitfrage Nr. 4, nach Einklang zwischen Religion und den Erfordernissen der modernen Welt, wird im Text nicht aufgegriffen.

Insgesamt ist eine überzeugende Darstellung dieser schwierigen Epoche Deutscher Geschichte gelungen, die geschickt zwischen Chronologie, Ereignis- und Sozialgeschichte changiert. Neben den angesprochenen kleinen Mängeln stört indes das Fehlen jedwedes kulturgeschichtlichen Teils, weder Religion noch Kunst noch Literatur noch Wissenschaft werden berücksichtigt. Leider beschränken sich zudem die Literaturhinweise auf gängige Standardwerke zum 19. Jahrhundert.

PDF: Die Jahrzehnte von 1840 bis 1880 als zentrale Epoche des 19. Jahrhunderts – Dieter Hein, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, München 2016