C.H.Beck; 302 Seiten, 26 Abbildungen, fünf Karten, Anmerkungen,Bibliographie, Register; broschiert; ISBN 978-3-406-67378-8

Die sechsbändige Reihe ›C.H.Beck Geschichte der Antike‹ beginnt mit Elke Stein-Hölkeskamps Darstellung zum Archaischen Griechenland. Die Privatdozentin für Alte Geschichte an der Universität Duisburg-Essen beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dieser Thematik und hat eine hervorragende Einführung in diese »Epoche des Aufbruchs und der Innovation« (S. 11) vorgelegt.

Sie gliedert den Stoff thematisch und will auf Linearität und Kausalität verzichten, stattdessen Phasen und Grundformen in den Blick nehmen. Das ist zum einen interessanter als die sonst in Geschichtsbüchern beliebte chronologische Vorgehensweise, zum anderen durch die bis heute stark umstrittenen Abfolgen von »Ereignissen und Handlungssequenzen« (S. 13) auch sachlich legitimiert. Stein-Hölkeskamp wählt auch einen unkonventionellen zeitlichen Beginn ihrer Darstellung, nämlich nicht das 8. vorchristliche Jahrhundert, sondern die mykenische Palastzeit und die ›Dunklen Jahrhunderte‹ – dies dient nicht zuletzt der Betonung einer neuen communis opinio, wonach die ›Dunklen Jahrhunderte‹ keine niedrigere Zivilisationsstufe darstellten, als die Palastzeit davor und die ›klassische‹ Archaik danach und durch neue archäologische Befunde auch nicht länger so ›dunkel‹ erscheinen.

Nach der Einleitung stellt sie acht Themen vor: Nach den Palästen und ›Dunklen Jahrhunderten‹ im ersten Kapitel widmet sich Stein-Hölkeskamp zunächst der Zeit der ersten literarischen Quellen, der Ilias und Odyssee, um 700 v. Chr, besonders der gesellschaftlichen und politischen Ordnung, wie sie in den Vers-Epen zum Vorschein kommen. Kapitel drei widmet sich den griechischen ›Kolonisationen‹, also Siedlungs- und Eroberungsbewegungen griechischer Poleis in deren archäologischer und textlicher Hinterlassenschaft, deren Gründung und Entwicklung. Das vierte Kapitel bildet den Schwerpunkt des Bandes und setzt sich intensiv mit den Stadtstaaten auseinander, dem Konzept, den Typen, ihren historischen Entwicklungen (insbesondere wird hier das archäologische Material herangezogen), schließlich den politischen Gemeinschaften der Bürger und ihren Institutionen. Unter Zuhilfenahme archäologischer Funde und den Texten Hesiods wird im folgenden Kapitel die bäuerliche Lebenswelt des archaischen Griechenland in den Blick genommen. Auf die Bauern folgen die Aristokraten, insbesondere, wie sie bei Herodot dargestellt werden: Ein nicht abgeschlossener ›Stand‹, der bemüht war, durch »ein breites Spektrum an persönlichen Überlegenheitsmerkmalen« (S. 188) sich auszuzeichnen und von anderen Bürgern abzugrenzen: Purpurgewänder, Besitz von Pferden, das Symposion, die Begräbnisse und die panhellenischen Treffen; schließlich waren es die staseis und inneren Differenzierungen, die diesen ›Stand‹ ausmachten. Das folgende Thema ist die Tyrannis und die damit verbundene »eigenartige Mischung aus Furcht und Faszination, die die Griechen […] der Tyrannis entgegenbrachten.« (S. 221) Weiter finden die vier Grundtypen dieser Herrschaftsform ihren Niederschlag, um dann »Gemeinsamkeiten und Grundmuster« (S. 251 ff.) herauszustellen. Schließlich wendet sich Stein-Hölkeskamp der »Reorganisation und Konsolidierung der Bürgerschaften« (S. 256 ff.) zu und resümiert die Reformkonzepte, die »unterschiedliche Entwicklungsstadien der Polis« widerspiegelten und auf »unterschiedliche lokale Schwierigkeiten und aktuelle Krisen« reagierten (S. 274).

Sämtliche Kapitel werden ergänzt durch sogenannte »Fallstudien«, die »längerfristige Entwicklungen in ihrer diachronen Dimension« (S. 14) aufzeigen sollen, womit zugleich der geographische Rahmen über Athen und Sparta hinaus erweitert wird. Zudem zieht Stein-Hölkeskamp in jedem Kapitel ein knappes Fazit, welches ihre wichtigsten Beobachtungen zur jeweiligen Thematik zusammenfassen soll.

Elke Stein-Hölkeskamp bietet einen umfassenden, differenzierten und den neuesten Forschungsstand abbildenden Überblick zum Griechenland der Archaik. Sie greift dabei weiter aus, als allgemein üblich und wählt einen feinen Aufbau ihrer Thematik, wobei ihr thematischer Zugriff gelegentlich Sprünge erfordert, wenn sie etwa in Kapitel VI Hesiod als Quelle maßgeblich heranzieht und im folgenden Kapitel VII Herodot liest, um sich den aristokratischen Lebenswelten anzunäheren. Die »Fallstudien« bringen die nötige Anschauung und Abwechslung in die Darstellung des Archaischen Griechenland und ergänzen die acht thematischen Kapitel sehr gut.

Die Anmerkungen verzeichnen fast ausschließlich Quellenbelege, genügen damit aber jedenfalls wissenschaftlichen Ansprüchen. Ein besonderes Lob verdient hingegen die innovative Bibliographie: Nicht nur sind Standardwerke und neueste Arbeiten verzeichnet, sondern die Literatur ist nach den Kapiteln thematisch angeordnet und jeder alphabetischen Aufstellung geht eine spannende Kurz-Kommentierung der wichtigsten verzeichneten Titel voraus – genauso sollten Bibliographien aussehen, die für Leserinnen verfasst sind, welche sich zum ersten Mal mit der Thematik auseinandersetzen, weil sie in kürzester Zeit einen Überblick zur einschlägigen Historiographie leisten. Insgesamt handelt es sich um die bessere, weil leichter zu lesende, griffigere und aktuellere Darstellung zum Thema ›Archaisches Griechenland‹, als das vergleichbare Kapitel im Gehrke/Schneider-Sammelband. Als erster Zugriff auf das Thema unbedingt empfehlenswert!

Epoche des Aufbruchs und der Innovation – Elke Stein-Hölkeskamp, Das Archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer, München 2015