(C.H.Beck; 688 Seiten, Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis, Register, fünf Karten; gebunden mit Lesebändchen; ISBN 978-3-406-64714-7)

Dietmar Neutatz, Professor für Neuere und Osteuropäische Geschichte in Freiburg, bietet seinen Leserinnen einen umfassenden, wohldurchdachten und ungemein aktuellen Einblick in die geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Russischen (besser: russländischen) Geschichte im 20. Jahrhundert.

Die Darstellung setzt – der Reihe entsprechend – mit dem Jahr 1890 ein und zeichnet die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Werdegänge der russländischen Gesellschaft nach – bis zum Jahr 1999. Besonders erfreulich ist, dass hier ein Schwerpunkt kaum auszumachen ist: Alle Bereiche erfahren in etwa gleichviel Berücksichtigung. Neutatz gliedert sein Buch in fünf Teile, wobei er verhältnismäßig wenig Raum auf die Geschehnisse bis zum Oktoberumsturz 1917 verwendet und der Versuchung widersteht, auch noch eine Weltkriegsgeschichte zu erzählen. Schwerpunkte bilden eher der »Kriegszustand 1928‒1953« und die »Konkurrenz mit dem Westen 1953‒1982«.

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Neutatz schafft nahezu perfekt den Spagat zwischen Synthese und Detaildarstellung: Immer wieder entfaltet er Panoramen der Russischen Gesellschaft, um 1900, 1926, 1942, 1966 und 1995 (diese Panoramen korrespondieren mit den fünf beigefügten Karten im Anhang), in denen die Gesamtgesellschaft im Schlaglicht betrachtet wird; gleichzeitig zitiert er minutiös Quellen in- und ausländischer Beobachter, etwa Journalisten, Diplomaten, Schriftsteller, Parteimitglieder und Offiziere, Händler, Philosophen und Ideologen, aber auch namenlose Menschen des Alltags. Zudem geht er wiederkehrenden Phänomenen nach, die man eher in Detailuntersuchen vermuten würde, etwa dem Alkoholismus oder kleinen biographischen Exkursen. Neutatz bietet damit einen differenzierten und heterogenen Einblick in die jüngere russländische Geschichte – stets hat er auch die nichtrussischen Gebiete des Vielvölkerreiches im Blick und bildet damit auch den gegenwärtigen Forschungsstand ab – wenige Beispiele mögen genügen: Die Betrachtung von Zentrum und Peripherie und deren Dynamiken nimmt Neutatz wiederholt in den Blick. Dem Zusammenhang der beiden (besser: drei) Revolutionen 1905 und 1917 widmet er immerhin zehn Seiten und streift wenigstens auch andere Themen der neueren Revolutionsforschung (Adel und Kirche; Parteienforschung; Identität, Symbolik und Sprache und Geschlechtergeschichte). Für die Zeit der mittleren Sowjetunion stellt er in angemessenem Umfang die Beziehungen zu China dar. Relativ viel Raum verwendet er auf Gorbačevs Perestrojka und Glasnost‘, das Ende der Sowjetunion und den Übergang zur post-sowjetischen Phase, obgleich diese Zeit bislang quellenmäßig nur eingeschränkt zugänglich ist. Die Darstellung endet mit der »eisernen Hand« Vladimir Putins.

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Insgesamt kann man dem Buch attestieren, die konzise, ›forschungsnächste‹, angenehmst geschriebene und beste Gesamtdarstellung einer Russischen Geschichte im 20. Jahrhundert zu sein. Der Kritik der FAZ (Mangel an Abbildungen) kann ich mich nicht anschließen, denn jede Textseite ist der Lektüre wert und ›entschädigt‹ für fehlende Bilder – denn meist bleiben Abbildungen in geschichtswissenschaftlichen Darstellungen leider unkommentiert und damit weitgehend wirkungslos für den Leser. Dafür gibt es m. E. Bildbände! Erwähnenswert sind die knappen, aber wissenschaftlichen Ansprüchen völlig genügenden Anmerkungen am Ende des Buches und die sehr aktuelle und umfassende Bibliographie (beide umfassen nicht nur englisch- und deutschsprachige, sondern auch russische Publikationen). Leider umfasst das Register nur die im Text zitierten Personen, nicht aber Orte und Sachbegriffe.

PDF: Dietmar Neutatz, Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert