C.H.Beck; broschiert; 128 Seiten, drei Karten, Zeitleiste, Auswahlbibliographie, Personenregister; ISBN 978-3-406-68302-2

Nach den letzt- und diesjährigen Darstellungen zum Wiener Kongress kehrt Siegrid Westphal, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit in Osnabrück, als Fachfrau der kulturhistorischen Friedensforschung zum ersten europäischen »Referenzfrieden« (Johannes Burkhardt) zurück: dem Westfälischen Frieden, der 1648 in Münster und Osnabrück zustande kam, eine europäische Völkerrechtsordnung konstituierte und damit Vorbild für andere große Friedensordnungen (Wiener Kongress 1815, Versailler Frieden 1918/19) abgab und einen weiteren Religionskrieg innerhalb des Alten Reiches verhinderte.

Nach einem Prolog widmet sich Westphal zunächst den europäischen Rahmenbedingungen und Verfassungsstrukturen des Heiligen Römischen Reichs, um dann Verläufe der Friedensfindung nachzuzeichnen. Sie zeigt deutlich, dass der Westfälische Frieden nicht allein das Ergebnis von Verhandlungen ab 1645 ist, sondern Friedensverhandlungen schon 1619 begannen und wichtige Teilfriedensverträge Bedingungen für die Instrumente von Münster und Osnabrück bildeten, etwa der Prager Frieden von 1635. Insofern ließe sich nicht nur von einem ›Dreißigjährigen Krieg‹, sondern auch von ›Dreißigjährigen Friedensverhandlungen‹ sprechen.

Das dritte Kapitel handelt von den Kongressbedingungen: den Verhandlungsstädten und deren ›Neutralisierung‹ (dabei thematisiert Westphal auch gern zurückgestellte Themen wie den ländlichen Charakter der Städte, das Stadtbild und das ›deutsche‹ Wetter); den Gesandtschaften (auch das Fehlen von England, Russland und dem Osmanischen Reich sowie der eigenständige Charakter der Gesandten, insbesondere die wichtige Rolle des kaiserlichen Gesandten Maximilian Graf von Trauttmansdorff). Der Verhandlungsmodus, der nur in den Konzilien Vorbilder hatte, musste Rangstreitigkeiten, die Frage der Präzedenz der Gesandten, Übersetzungsleistungen und nonverbale Kommunikation und die Herausbildung »en passant« (S. 50) eines europäischen Völkerrechts gewärtigen. Schließlich stellt Westphal die Kriegs- und Friedensziele der Parteien vor.

Das vierte Kapitel bildet den Schwerpunkt des Buchs und stellt ausführlich die komplizierte Verhandlungsphase 1645 bis 1648 dar, mit allem Lavieren, Taktieren und Manövrieren der sich noch immer im Krieg befindenden Parteien. Der militärischen Entwicklung kam eine zentrale Rolle bei den Verhandlungen deshalb zu, weil sie maßgeblich die Verhandlungspositionen bedingte. Die so unterschiedlichen Verhandlungsziele stellt Westphal etwas vereinfacht dar, indem sie Interessengruppen bildet und dabei Frankreich und Schweden dem Kaiser entgegenstellt. Die eigentlichen Verhandlungen unterteilt sie in Phasen und präsentiert die jeweiligen Probleme, deren Lösungen und die Übereinkünfte: Wesen des angestrebten Friedens, Satisfaktion, Amnestie und Restitution weltlicher Güter, die ›Pfalzfrage‹, das Reichsreligionsrecht und Verfassungsfragen des Reiches. Daneben spielen die Anschlüsse an frühere Friedensregelungen (v. a. Augsburger Frieden von 1555 und Prager Frieden 1635) und die wiederkehrenden Krisen in den Verhandlungen wichtige Rollen.

Das Kapitel »Die Friedensinstrumente« stellt relativ ausführlich die formalen und materiellen Inhalte des IPO und IPM dar, insbesondere den »eigentlichen Kern der Friedensinstrumente« (S. 105), nämlich die Verfassungsregelungen des Reiches und das Reichsreligionsrecht, das Westphal als »diplomatische Meisterleistung« würdigt (S. 106). Insofern überrascht die Wertung als Erfolg nicht – bezüglich des Reiches – in europäischer Perspektive freilich stelle der Westfälische Friedenskongress einen »gescheiterten europäischen Frieden« dar (S. 109).

Schließlich wird allzu kurz die Rezeption des Friedens, seine Wirkungen und Erinnerungskultur ›beleuchtet‹ (auf knapp vier Seiten).

Obgleich Westphal in Anlehnung an Burkhardt den Westfälischen Frieden als »Referenzfrieden […] für spätere Friedensverträge« bezeichnet, stellt sie leider keine Vergleiche mit diesen Verträgen her. Auch die lange vorherrschende Überzeugung der borussischen Geschichtsschreibung, wonach der Frieden ein »nationales Unglück« gewesen sei, kommt zu kurz. Man hätte auf die Zeitleiste am Ende des Bandes verzichten können und damit immerhin fünf Seiten für Text gewonnen, der im abschließenden Kapitel umfangreicher hätte sein dürfen. Schade ist zudem, dass auf die drei schönen Karten nicht eingegangen wird, weil Karten selten ›für sich sprechen‹.

Abgesehen von diesen wenigen ›Gravamina‹ hat Westphal ein überzeugend strukturiertes, gut lesbares Buch verfasst, das wiederholt auf den aktuellen Forschungsstand und momentan diskutierte Fragen eingeht und trotz des Überblick-Charakters Thesen formuliert und Stellung bezieht. Durch wiederkehrende Zitate im Text wird deutlich, welche Werke für die Darstellung stark rezipiert wurden (Fritz Dickmann, Johannes Burkhardt, Axel Gotthard, Christoph Kampmann und Konrad Repgen). Die Auswahlbibliographie ist sehr aktuell (sie verweist für Werke vor 1995 auf die von Heinz Durchhardt herausgegebene Bibliographie), führt aber hauptsächlich deutschsprachige und wenige englischsprachige Titel auf.

PDF: Siegrid Westphal, Der Westfälische Frieden