Dieser Essay zum Welttag des Buches am 23. April 2015 ist angeregt worden durch das schöne Buch von Michael Hagner ›Zur Sache des Buches‹ (Wallstein)1 und will hieran mit eigenen Gedanken anknüpfen: Wie kann die Zukunft von geisteswissenschaftlicher Literatur aussehen, insbesondere der Geschichtswissenschaften? Ist das gedruckte Buch das richtige und zeitgemäße Medium? Soviel sei hier schon vorweggenommen: Der Untergang des Abendlandes wird hier nicht prognostiziert werden, im Gegenteil: Das gedruckte Buch hat seine nächsten 500 Jahre vor sich, und daran werden alle Kulturpessimisten, Feuilletonisten und Digital-Lobbyisten nichts ändern. Freilich wird es Veränderungen im Hinblick auf das Buch geben – die es immer wieder gab seit Gutenberg und welche man nicht zwangsläufig fürchten oder ablehnen muss.

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Folgt sie der Darstellung Hagners, dann muss die Bibliophile fürchten, das echte Buch (damit sind nur die gedruckten gemeint) könne bald verschwinden, denn Digitalisate würden an allen Fronten propagiert und sollen in vielen Bereichen zur Regel gemacht werden. Die Digital-Lobby, Konzerne wie Apple, Google und Amazon und nicht zuletzt junge Menschen, die in einer »digitalen Welt« sozialisiert wurden, haben die Ablehner gedruckter Bücher auf ihrer Seite. Letztlich nimmt Hagner zwar keine Bibliophobie in den Geisteswissenschaften an, aber zunehmend würde auch hier der Einstieg ins digitale Zeitalter gefordert, weil sonst der Untergang des ganzen Sektors zu befürchten sei.2

Das ist zwar alles nicht unbegründet, aber übertrieben. Zuerst kann ich mich hier als Gegenbeispiel anführen. Ich fühle mich den Geisteswissenschaftlern zugehörig, im »frühdigitalen Zeitalter« sozialisiert, und trotzdem empfinde ich eine solche Affinität zu Büchern und einen ausgeprägten Respekt vor Büchern, dass es ausgesprochen schwerfällt, solche Ansichten bestätigen zu können, denn: Alle werdenden Wissenschaftlerinnen (und mögen dies auch nur wenige eines jeden Semesters sein) müssen Hausarbeiten, Essays und andere Texte für‘s Studium verfassen und wissen um die Mühe, die damit zwangsläufig verbunden ist. Deshalb ist es unvorstellbar, dass sie für ein Buch – ob Monographie oder Sammelband-Beitrag – weniger Respekt aufbringen als für die eigene Arbeit. Sollte es aber so sein, muss hier der Aufruf erfolgen: In jedem Buch mit wissenschaftlichem Anspruch steckt sehr viel Zeit, Mühe und Anstrengung (man vergleiche nur die eigene Arbeit bei der letzten »läppischen« Hausarbeit von 20 Seiten!), und deswegen gebührt jedem so selbstverständlich in die Hand genommenen und meist über Steuergelder finanzierten Exemplar in Bibliotheken ein Mindestmaß an Respekt und Dankbarkeit entgegengebracht! Zudem sind mir auch andere Menschen bekannt, die (geisteswissenschaftlichen) Büchern Respekt und Verehrung entgegenbringen.

Leider kann ich aber auch aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Digitalisate an der Universität zunehmend angepriesen werden (obgleich nicht in allen Bereichen) und bei Studierenden auch dem Gang in die Bibliothek (ganz zu schweigen von der Anschaffung!) vorgezogen werden. Ich behaupte gleichviel, dass dies eine vorübergehende Erscheinung ist. Auch ich benutze regelmäßig Digitalisate, allerdings nur, wenn mir nicht die Wahl bleibt oder das Erreichen der gedruckten Fassung nicht im Verhältnis zum mutmaßlichen Nutzen stünde (was natürlich vor der Lektüre einigermaßen schwierig ist, zu beurteilen). Somit gibt es zwar Digitalisate und sie werden auch fleißig genutzt, aber die Mehrheit der Geisteswissenschaftler will am Buch festhalten.3 Diese Punkte sprechen nämlich für gedruckte Bücher: 1) Haltbarkeit: Die Bücherwelt seit Gutenberg zeigt, dass sich gedruckte Bücher und damit der Zugang zu den darin enthaltenen Gedanken wenigstens 600 Jahre hält – wie lange sich eine heute erstellte PDF-Datei wird entschlüsseln lassen, ist bloße Spekulation. Blickt man auf Speichermedien der vergangenen 25 Jahre zurück, so darf man feststellen, dass die Dateien, die Anfang der 1990er Jahre auf Diskette gespeichert wurden, jedenfalls von einem durchschnittlich ausgestatteten Bürger heute nicht mehr ›gelesen‹ werden können. Die Medien haben sich schnell überlebt, ob den Dateien längere Lebenszeit gegönnt sein wird, weiß keiner. 2) Umweltverträglichkeit: Oft wird gegen Bücher und für Digitalisate das Argument der Ökonomie angeführt, denn es müssten ja keine Bäume mehr sterben, würde man Texte nur noch digital ausgeben. Das mag ein starkes Argument sein, vergisst aber den Bedarf an Rohstoffen (vielleicht sogar Holz), der nötig ist, um die Server, Festplatten, Computer, Bildschirme und Lesegeräte herzustellen und permanent am Laufen zu halten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dazu in der Lage ist, aber es wäre hochinteressant zu erfahren, bei welcher Variante mehr Energie benötigt wird: Beim Her- und Bereitstellen aller gedruckten Bücher, Zeitschriften und Zeitungen im heutigen Umfang oder beim Digitalisieren all dieser Texte und ihrer dauerhaften Bereitstellung und Pflege. 3) Ökonomie: Damit ist das Argument der Ökonomie verbunden: Es ist höchst fragwürdig, welches Verfahren am Ende günstiger ausfällt. Das Schweizer Bundesarchiv habe errechnet, dass die digitale Konservierung eines laufenden Meters Archivmaterial neunmal teurer sei, als die ›analoge‹ Variante.4 4) Haptik und olfaktorisches Erlebnis: Bücher bieten den Vorteil, in die Hand genommen, befühlt, geblättert und beschnuppert werden zu können. Will sich jemand den Geruch von Druckerschwärze nehmen lassen? Zudem ist mir noch keine digitale Darreichungsform untergekommen, die vernünftige Anmerkungen zuließe. Da scheint mir das Papier das beste Medium zu bleiben. 5) Gründlicheres Lesen: Auch wenn es keine Studien gebe, die ein gründlicheres Lesen auf Papier belegten, das digitale Lesen habe jedenfalls auch keine gründlichere Lektüre ermöglicht.5 Aber eine andere Lektüre, vermeintlich schneller und oberflächlicher (sog. Hyper Reading). Ich kann das persönlich bestätigen: Die Bildschirmlektüre erfolgt anders, sprunghafter und vor allem wesentlich schneller. Das Medium entscheidet mit über die Art des Lesens. Eingehende und intensive Lektüre ist nur auf Papier möglich.

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Aber freilich hieße es Realitätsverweigerung wollte man glauben, Bücher und die sie umgebende Welt dürften und sollten sich nicht verändern. Die Leser müssen sich diesen Gegebenheiten beugen oder sie bekämpfen, jedenfalls zur Kenntnis nehmen. Das E-book und andere Digitalisate werden nicht wieder verschwinden und sie haben ihr Gutes. Warum soll nicht eine Koexistenz möglich sein? Dichotomes Denken schadet beiden Seiten.

Auch Autoren und Verlage, die Bücher mit geschichtswissenschaftlichem Anspruch veröffentlichen, reagieren auf die Veränderungen. Zwei Beispiele: Das Buch, das hier an anderer Stelle zum Welttag des Buches verlost wird,6 hat die gesamte Bibliographie und viele Anmerkungen und weitere Grafiken und Tabellen »ausgelagert« auf eine Internetplattform des Autors Thomas Piketty. Diese Vorgehensweise ist teils schade, teils vorteilhaft. Ein wissenschaftliches Buch ohne Bibliographie ist keines. Dann soll sie aber auch Bestandteil des Buches sein. Auf der anderen Seite ist es ein populärwissenschaftliches Buch und der Verlag ermöglicht dadurch unterschiedlich intensive Lektüren. Das Buch ist damit flexibler geworden und in der Lage, sich den Bedürfnissen unterschiedlicher Lesergruppen anzupassen. Auch der Reclam-Verlag hat mit Olaf Blaschkes schöner Studie über Kirchen und Nationalsozialismus7 einen Faltplan mit Daten und Ereignissen ausgelagert und auf der Seite des Verlags zur Verfügung gestellt. Es kommt aber auch ohne diesen Faltplan aus. Das sind zaghafte Versuche, die digitale Welt mit der analogen zu verbinden. Über Sinn und Unsinn kann man im Einzelfall streiten und uneins bleiben.

Eine Angst, die mich umtreibt, will ich nicht verschweigen. Und sollte die Befürchtung wahr werden, kann sich das Phänomen gesamtgesellschaftlich negativ auswirken: Bücher werden über kurz oder lang deutlich teurer werden. Das ist für mich logische Konsequenz aus geringerer Nachfrage und Verdrängung durch digitale Surrogate. Mittelfristig kann es sich zu einem Luxusgut wandeln, wie es im 19 Jahrhundert der Fall war. Im Moment sind wir sehr weit davon entfernt, auch sehr umfangreiche, gebundene, sorgfältig gesetzte und lektorierte und ausgestattete Bücher bekommt man für 40 bis 50 Euro – auch dank der Buchpreisbindung und der Mehrwertsteuer von gerade sieben Prozent. Aber speziell die Buchpreisbindung ist durch E-book, Amazon und Co. in Gefahr, bei ihrem Wegfall müssten Bücher auf einmal echten Marktgesetzen gehorchen. Die gesamtgesellschaftliche Gefahr besteht darin, dass bei einer solchen Entwicklung Bücher nur noch gutverdienenden Teilen der Bevölkerung zur Verfügung stünden, andere (etwa Studierende) müssten auf E-books und Digitalisate ausweichen, mit den oben prognostizierten Folgen für das Leseverhalten.

Ergo: Die Bücherwelt wird sich verändern, nicht in allen Dingen zum Schlechten, aber die Buchpreisbindung muss verteidigt werden, um allen Staatsbürgerinnen weiterhin ›echte‹ Lektüre zu ermöglichen.

1 Ich darf auf meine Besprechung verweisen.

2 Vgl. Michael Hagner, Zur Sache des Buches, Göttingen 2015, S. 49–62.

3 Vgl. Hagner, Zur Sache des Buches, S. 208.

4 Vgl. ebd., S. 216.

5 Vgl. ebd., S. 225.