C.H.Beck; 128 Seiten; Zeittafel, Bibliographie, Personen-, Orts- und Universitätsregister; ISBN 978 3 406 67667 3

Lange schon war eine ›kleine‹ Geschichte der Universität überfällig, jetzt legte sie Stefan Fisch von der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer vor. Fisch wählt hierfür einen für 120 Seiten gerade noch passenden Rahmen aus: Er stellt die Geschichte der Europäischen Universität dar, also weder eine ›bloß‹ deutsche Universitätsgeschichte noch eine Geschichte der ›Universität an sich‹, sondern das europäische Modell und dessen Export nach Übersee, einerseits als »Organisationsgeschichte«, andrerseits als »Geschichte von Wissen und Wissenschaft«.1

Zunächst ein Inhalts-Überblick: In 13 Kapiteln stellt Fisch die Entwicklung »von Bologna nach Bologna« dar.

Im ersten Kapitel soll das Novum dieser Bildungseinrichtung im Hohen Mittelalter deutlich werden; sodann beschreibt er die Anfänge der ersten Universitäten: Salerno, Bologna, Paris, Oxford, Cambridge, Salamanca und schließlich Prag.

Kapitel 2 stellt die beiden frühen Modelle vor, als Genossenschaft von Studierenden und Lehrenden, aufgeteilt in nationes, und als straffer organisierte und von den Lehrenden gesteuerte universitas in vier Fakultäten. Weiter werden das Amt des Kanzlers vorgestellt, sowie die materiellen Grundlagen der mittelalterlichen Universität: Pfründe und beträchtlicher Grundbesitz. Fisch verschweigt indes nicht, dass heute neuere Colleges im angloamerikanischen Raum über »bedeutende Aktienpakete«2 verfügten und damit wirtschafteten.3

An dritter Stelle setzt sich Fisch mit der Idee der Mobilität und des Netzwerks auf europäischer Ebene auseinander. Im Mittelalter haben die Studenten oftmals im Ausland studieren müssen und dabei zum Selbstschutz Netzwerke geknüpft. Eine europaweite Anerkennung der Lehrerlaubnis sei mit der Bulle Parens scientiarum des Papstes Gregor IX. möglich geworden. Schließlich das Latein als lingua franca der Universitäten, was eine enorme Mobilität nach sich zog.

Das vierte Kapitel hat die Inhalte, Akademischen Grade und Berufsmöglichkeiten hinsichtlich Mittelalter und Früher Neuzeit im Blick: Ausgehend von der Auslegung autoritativer Texte, vor allem der Bibel, führt der Weg über das trivium und quadrivium an der Artistenfakultät zu den höheren Fakultäten (Theologie, Medizin, Jurisprudenz) zu den Abschlüssen (baccalaureus artium, Magister artium, Doktorgrade, licentia).

Der folgende Teil behandelt zunächst das Problem der Konfessionalisierung. Die Katholische Kirche reagierte mit Schaffung des Jesuitenordens, der viele Universitäten übernahm; Calvinisten und Lutheraner schufen eigene Universitäten. Die Konfessionalisierung sorgte in Mitteleuropa indes für eine »besonders dichte Universitätslandschaft«4 verglichen etwa mit Frankreich. Das britische Modell der Universität wurde in Nordamerika in der Zeit nach der Konfessionalisierung übernommen (Harvard, Yale etc.), während hingegen Universitäten in Mitteleuropa Zeichen der inneren Erstarrung gezeigt haben. Daraus seien Reformuniversitäten wie Halle und Göttingen einerseits entstanden, andrerseits anwendungsbezogene Spezialhochschulen nebst neuen Fächern wie Kameralistik, Ökonomie und Polizeywissenschaften.

Sodann wendet sich Fisch in einem ersten Schritt den Universitätsreformen nach 1800 zu: zuerst in Frankreich mit der Schließung der klassischen Universitäten durch die Revolution 1793 und deren Ersetzung durch die Écoles. Bis 1896 habe es in Frankreich keine Universitäten im klassischen Sinne gegeben, also als »Stätte wissenschaftlicher Lehre mit ausgeprägter Selbstständigkeit und Identität.«5 Stattdessen habe eine strikte Hierarchie, Leistungsorientierung und ein abgeschlossenes System geherrscht. An den 1896 wiedererrichteten Universitäten sei Lehre betrieben worden, Forschung indes ab 1939 zentralisiert im Centre National de Recherche Scientifique.

Kapitel 7 widmet sich ausführlich dem ›deutschen‹ Reform-Modell Humboldts, das mit dessen Universitätsgründung in Berlin 1810 salonfähig wurde. Napoleons ›Vollstreckung der Revolution‹ habe für die äußeren Umstände in Preußen gesorgt. Lehrziel sei gewesen die »Herausbildung und Festigung der Individualität des einzelnen jungen Menschen«.6 Durch das Vorbild kritischer Forschung sollte bei den Studierenden Sachlichkeit, Vorurteilslosigkeit und Wissenschaftlichkeit durch Selbst-Erziehung erreicht werden. Humanistische Bildungs- und Lehrinhalte, vor allem die Klassische Philologie, sollten dabei helfen. Gleichzeitig habe sich der staatliche Einfluss an den preußischen Universitäten mehr und mehr erhöht. Bei den Professoren habe deren Bewertung durch ihre Forschungsleistungen zu einem ›Imperativ zur Forschung‹ geführt. Fisch erläutert in diesem Zusammenhang die Herausbildung des Privatdozenten, der Habilitation, des Seminars und des Wissenschaftlichen Mitarbeiters. Am Ende stellt er fest: »Ihrem Wesen nach war die neue Universität nicht mehr Lern- und Ausbildungsanstalt, sondern Forschungsuniversität.« Gleichzeitig aber, mit Blick auf Frankreich, stellt er fest: »Ganz entgegen den Absichten der Universitätsreformen war selbst die Philosophische Fakultät, fern von der ihr zugrunde liegenden Bildungsidee, in gewisser Weise auch nichts anderes als eine Spezialhochschule.«7

Wie sich das ›Humboldtsche Modell‹ auf außerpreußische Gebiete, nämlich Bayern, Österreich und die Schweiz auswirkte, behandelt das achte Kapitel.

Es folgt der dritte Schritt der Darstellung der Universitätsreform nach 1800 dergestalt, dass die Humboldtsche Universität nicht alles leisten und nicht jedem gerecht werden konnte. Manche Berufe erforderten schon damals mehr handwerksnahes Erfahrungslernen als theoretische Reflexion der Praxis. Daraus haben sich die Technischen Hochschulen entwickelt. Auf die Ansprüche des Arbeitsmarkts konnten die Universitäten nicht in ausreichendem Maß reagieren. Bald sei mit den neuen Hochschulen der Streit um das Promotionsrecht entstanden.

Im gleichen Kapitel stellt Fisch noch die Entwicklungen im angloamerikanischen Raum dar (hierbei insbesondere Neugründungen, die Ausbildung von Civic Universities, die Red Brick Universities); für Großbritannien stellt er fest, dass dort viel weniger als in Zentraleuropa das Problem eines ›entweder – oder‹ zwischen Wissenschaft und Anwendungsorientierung bestanden habe; in den USA sei es hingegen gelungen, das englische Modell des Grundstudiums erfolgreich mit dem deutschen Modell der Forschungsuniversität zu verbinden – freilich eher in den weltberühmten Universitäten Harvard und Yale, während die vielen Universitäten eines jeden Bundesstaates bis heute eher mittelmäßig ausgestattet und angesehen sind.

Ausführlich widmet sich Fisch dann dem langen Weg der Frauen in die Universitäten und in die korrespondierenden Berufe; hier arbeitet er sich über Länder und deren chronologische Entwicklung vor (Zulassung zum Studium, Abschluss, wissenschaftlicher Werdegang, zuletzt auch beruflicher Einstieg nach dem Studium): Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, England und Polen werden hier betrachtet.

Kapitel 10 betrachtet neuzeitliche Entwicklungen: Probleme der Fächervielfalt, Großforschung außerhalb der Universitäten (›Harnack-Prinzip‹), schließlich das ›System Althoff‹ mit seinen Vorzügen (Konzentration der Ressourcen auf ›Exzellenz‹; systematische persönliche Berufungspolitik) und Nachteilen (als »souveräne Nichtachtung des Vorschlagsrechts der Fakultäten und Züchtung des Servilismus durch ministerielle Gnadengeschenke« [Ludwig Curtius]).

Die beiden letzten Kapitel betrachten ausschließlich die jüngeren deutschen Entwicklungen, die Krisen und Perversionen der Weimarer Zeit und im Nationalsozialismus (»Die NSDAP hatte kein hochschulpolitisches Programm.«8) und den Wiederaufbau in beiden deutschen Staaten nach 1945 (Entnazifizierung, zunächst ausbleibende strukturelle Reformen im Westen, Neugründungen, Reformen in den 1970er Jahren; rigider Zentralismus in der DDR, Ergebnisse der Wiedervereinigung).

Im Epilog wird auf drei Seiten die jüngste Entwicklung der Bologna-Reformen sehr kritisch betrachtet.

Überraschend ist der Schwerpunkt des Buchs in der Neuzeit (v. a. die Reformen seit 1800), erwartet hätte man ihn – wegen des Untertitels – eher im Mittelalter oder bei den Bologna-Reformen der 1990er Jahre.

Sehr positiv ist anzumerken, dass Fisch stets bei der Institution Universität (und Hochschule) bleibt, weil die Herausforderung freilich groß sein dürfte, besonders herausragende Forscherpersönlichkeiten stellvertretend für ihre jeweilige alma mater vorzustellen. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Friedrich Althoff, spielen Individuen kaum eine Rolle in der Darstellung. Aber auch einzelne Universitäten oder Staaten und deren Hochschulwesen werden nicht über Maß berücksichtigt, wenn auch gerade gegen Ende des Buchs der Fokus klar auf Deutschland liegt. Erfreulich sind die beiden Schwerpunkte ›Abgrenzung und gegenseitige Ergänzung von Universität und Hochschule‹ (wegen des Aktualitätsbezugs) und der »lange Weg«9 der ›Teilhabe von Frauen in Wissenschaft und Lehre‹ (Fisch widmet sich dem in relativer Ausführlichkeit auf immerhin acht Seiten). Dabei ist die Feststellung bemerkenswert, dass zwar ›relativ‹ früh die Seminartore für Frauen geöffnet wurden, die Zulassung zu den korrespondierenden Berufen aber europaweit noch wesentlich länger dauerte.

Die Anmerkungen zu den jüngsten Bologna-Reformen fallen zwar sehr knapp, aber eindeutig aus. Den Epilog nutzt Fisch zur ›Exegese‹ der ›Sorbonne-Erklärung‹ und stellt über die heterogenen Formulierungen eine doch noch vorherrschende Uneinheitlichkeit in Europa fest, viele Ausnahmen von der Regel und dass sich auch die Mobilität der Studierenden in Europa nicht erhöht haben soll seit den Reformen. Die Universität werde durch diese zunehmend »zur Berufsakademie umgebaut« (Julian Nida-Rümelin).

Am Ende bleibt der trostspendende Ausspruch Wilhelm von Humboldts, dass »Wissenschaft etwas noch nicht ganz gefundenes und nie ganz aufzufindendes« sei – indes kann sich zumindest die kontinentaleuropäische Universität eher in der mittelalterlichen Tradition sehen im Sinne von: scientia donum Dei est, unde vendi non potest – dass »Wissen ein Geschenk [Gottes] ist und deshalb nicht verkauft werden kann«. Bei allen Mängeln unserer hiesigen Universitäten: Die Zustände des angloamerikanischen Raums sind bislang nicht erreicht – im Guten wie im Schlechten.

Insgesamt: Eine spannend geschriebene und sinnvoll strukturierte ›Überblickseinführung‹ mit klaren – vielleicht überraschenden – Schwerpunkten und Auslassungen nebst Mut zur eindeutigen Meinungsäußerung.

PDF: Scientia donum Dei est, unde vendi non potest – Stefan Fisch, Geschichte der Europäischen Universität, München 2015

1 Stefan Fisch, Geschichte der Europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna, München 2015, S. 8.

2 Ebd., S. 17.

3 Vgl. hierzu Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, S. 648-653.

4 Fisch, Geschichte der Europäischen Universität, S. 30 f.

5 Ebd., S. 45.

6 Ebd., S. 53.

7 Ebd., S. 59 und 60.

8 Ebd., S. 103.

9 Ebd., S. 84.