C.H. Beck; 816 Seiten, 97 Grafiken, 18 Tabellen, Inhalts-, Grafiken- und Tabellenübersicht, Personenregister; gebunden, Lesebändchen; ISBN 978 3 406 67131 9

»Zu historisch für den Ökonomen, zu ökonomisch für den Historiker[?]«1 Das ist eine der Fragen, unter welchen Thomas Pikettys ›Das Kapital im 21. Jahrhundert‹ hier besprochen werden soll.2 Der Professor an der ›Paris School of Economics‹ hat seine vieldiskutierte Studie um die Verteilung von Reichtümern auf der Erde nun auch auf Deutsch vorgelegt und man kann diesem Buch angesichts seiner Ergebnisse nur den größten Erfolg im deutschsprachigen Raum wünschen. Denn es enthält einige wichtige Erkenntnisse und vermag auch viele vielleicht unbekannte Tatsachen ans Licht zu bringen.

Zunächst einmal, worum es geht: Das Buch ist in sechs Teile untergliedert: Die Einleitung3 formuliert einige zentrale Fragestellungen des Werks, geht auf die verwendeten Quellen ein, entwirft unter Bezug auf Malthus, Young, Ricardo, Marx und Kuznets eine kurze Historiographie- und Analysegeschichte, bevor er auf die Fokussierung der Wirtschaftsanalyse auf die Verteilungsfrage eingeht. Er betont dabei besonders Ricardos »Knappheitsprinzip« und Marx »Prinzip der unbegrenzten Akkumulation«.

Deutlich wird schon hier: Je nach dem, aus welcher politischen Sichtweise die Analysten kamen bzw. kommen, erscheinen die vorliegenden Daten in unterschiedlicher Sichtweise: in apokalyptischer (Ricardo und Marx) oder märchenhafter (Kuznets prophezeite eine langfristige Abnahme der Ungleichheit; Piketty entlarvt die fragwürdige Grundlegung dieser Theorie als »Produkt des Kalten Krieges«4, zudem »dass ihre empirische Basis sehr dürftig ist«5).

Sodann geht Piketty noch detailliert auf die von ihm verwendeten Quellen ein: Quellen, die Aufschlüsse geben über »Vermögen, ihre Verteilung und ihr Verhältnis zu den Einkommen«6 (über Steuerunterlagen: Erbschafts- und Einkommenssteuererklärungen; daneben die World Top Incomes Database). Ein besonderes Augenmerk solle indes auf der Struktur der Ungleichheit liegen, d. h. für »den Ursprung der Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen den sozialen Gruppen« interessiere er sich besonders, sowie für »die verschiedenen ökonomischen, sozialen, moralischen und politischen Rechtfertigungen, mit denen sie gutgeheißen oder verurteilt werden.«7 Seltsamerweise geht Piketty an dieser Stelle nicht auf die mannigfaltigen Quellen ein, mit denen er später arbeiten wird: Nicht nur Steuererklärungen und Statistiken, auch Romane des 19. Jahrhunderts werden in der Untersuchung eine wichtige Rolle spielen (Balzac, Austen), später dann, fürs 20. und 21. Jahrhundert, Medien, die besser geeignet sind, die unsrigen Verhältnisse abzubilden: die Disney-Produktion ›Aristocats‹, Filme (etwa Kubricks ›Barry Lyndon‹) und TV-Produktionen (›Mad Men‹) und Klatschpresse (Forbes-Ranglisten). Schließlich fasst Piketty schon in der Einleitung die wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen, bevor er den geografischen und zeitlichen Rahmen seiner Untersuchung erläutert, den theoretischen und begrifflichen Rahmen umreißt und den Aufbau seines Buches erklärt, das sich in vier Teile gliedert.

Der erste Teil Einkommen und Kapital8 soll wichtige wiederkehrende Begriffe klären: ›Inlandsproduktion‹, ›Nationaleinkommen‹, ›Arbeit‹, ›Kapital‹ und ›Kapital-Einkommensverhältnis‹, ›Kapitalrendite‹; es führt in die ›Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen‹ ein, betrachtet in einer ersten Annäherung die weltweite Einkommens- und Produktionsverteilung und untersucht die Entwicklung des Bevölkerungswachstums und der Produktion seit der Industriellen Revolution. Bei den Ausführungen zum Bevölkerungswachstum gibt Piketty seine zentrale These preis: »[D]ass ein scheinbar geringer Abstand zwischen der Kapitalrendite und der Wachstumsrate langfristig sehr große und destabilisierende Auswirkungen auf Struktur und Dynamik der Ungleichheit einer Gesellschaft haben kann.«9 Für das Wirtschaftswachstum hält der Autor fest, dass es eine erhebliche langfristige Verbesserung der Lebensbedingungen ermöglicht habe, aber in Zukunft wohl kaum über 1,5% pro Kopf in den fortschrittlichsten Ländern liegen könne, dass dies aber »in Wirklichkeit ein sehr hohes Wachstum ist«.10 Zudem wagt Piketty einen Zukunftsprognose das Pro-Kopf-Wachstum betreffend und stellt die Bedeutung der Inflation klar. Am Ende des zweiten Kapitels geht Piketty erstmals auf die wiederkehrenden Quellen Austen und Balzac ein: In deren Romane finde sich gleichbleibende Stabilität der finanziellen Verhältnisse: Mindestens das zwanzig bis dreißigfache vom Durchschnittseinkommen müssten die Romanhelden (die sich allesamt an der Spitze der sozioökonomischen Verhältnisse befanden) verdienen, um ›anständig‹ leben zu können.

Der erste Teil dient gleichermaßen als fortgesetzte Einführung in die Thematik und klärt grundlegende Begriffe, die dem Nicht-Ökonomen nicht klar sein dürften.

Im zweiten Teil Die Dynamik des Kapital-Einkommens-Verhältnisses11 analysiert Piketty, wie die langfristige Entwicklung des Verhältnisses von Kapital und Einkommen und die Verteilung des Nationaleinkommens auf Arbeitseinkommen und Kapitaleinkünfte aussieht. Er beginnt mit England und Frankreich anhand der Romane von Austen und Balzac. Dort sei Kapital hauptsächlich in Form von Grund und Boden oder staatlichen Schuldtiteln vorgekommen. Es wird deutlich, dass die Vermögensverhältnisse im 19. Jahrhundert klarer strukturiert schienen. Zwar habe sich die Erscheinungsform des Kapitals stark verändert (von landwirtschaftlichen Nutzflächen zu Finanzkapital), nicht aber der Gesamtwert des Kapitals in Relation zum jährlichen Nationaleinkommen. Im 19. Jahrhundert seien Staatsanleihen sehr sichere Anlagen gewesen, die stark zur Vermehrung des privaten Kapitals beigetragen haben. In Frankreich habe es nach dem Zweiten Weltkrieg einen »Kapitalismus ohne Kapitalisten«12 gegeben, d. h. einem System, in dem der Staat die Unternehmen kontrollierte.

Nach diesen Metamorphosen widmet sich die Darstellung allgemeinen Entwicklungen und solcher anderer europäischer Staaten (etwa Deutschland mit seinem ›Rheinischen Kapitalismus‹) und der Vereinigten Staaten neben Kanada, um dann speziellere Themen wie Sklaverei und Humankapital zu behandeln.

Sodann geht Piketty der Frage auf den Grund, warum in der Vergangenheit angesammelte Vermögen eine unverhältnismäßige Bedeutung erlangen können, wenn die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung stagniert: »Es ist der Rückgang des Wachstums – insbesondere des Bevölkerungs-wachstums -, der zur Rückkehr des Kapitals führt.«13 Oder anders: »Die Vergangenheit frisst die Zukunft«14, weil das Kapital sich selbst vermehre. Grund sei die langfristige Tendenz des Kapital-Einkommens-Verhältnisses eines Gleichgewichtszustandes jenseits von Erschütterungen und Krisen, die auf die Formel gebracht werden könne: Kapital-Einkommens-Verhältnis = Sparquote geteilt durch Wachstumsrate.

Das letzte Kapitel des zweiten Teils kommt zu den Ergebnissen, dass der vielfältige Einsatz von Kapital zur Akkumulation riesiger Kapitalmengen führe, ohne dass die Rendite völlig einbreche und damit kein Grund zur Annahme bestehe, der Anteil des Kapitals sinke auf lange Sicht. »Das moderne Wachstum, das auf der Steigerung der Produktivität und der Ausbreitung von Wissen beruht, hat es vermocht, die marxistische Apokalypse zu verhindern und den Prozess der Kapitalakkumulation zu stabilisieren. Es hat jedoch nicht die Tiefenstrukturen des Kapitals verändert – oder zumindest seine makroökonomische Bedeutung im Verhältnis zur Arbeit nicht nennenswert verringert.«15

Der dritte und Hauptteil des Buchs Die Struktur der Ungleichheit16: Zunächst stellt Piketty fest, dass es drei Kategorien der Ungleichheit gibt: der Arbeitseinkommen, des Kapitaleigentums und des Zusammenhangs dieser beiden Dimensionen. Als Einführung in die Struktur der Ungleichheit wählt der Ökonom die Rede Vautrins aus Balzacs Roman ›Père Goriot‹, wonach Studium, Arbeit und Mühe es letztlich nicht wert seien, sondern für sozialen Erfolg im 19. Jahrhundert allein Erbschaft und Vermögen durch Heirat und die aus ihnen fließenden Kapitalrenten entscheidend seien. So verhalte es sich auch bei Austen.

Die erste zentrale Erkenntnis des Kapitels: Die Ungleichverteilung des Kapitals sei immer größer als die der Arbeitseinkommen: »Die 10 % mit den höchsten Arbeitseinkommen haben im Allgemeinen einen Anteil von etwa 25-30 % am gesamten Arbeitseinkommen. Dagegen haben die 10 % mit den größten Vermögen einen Anteil am Gesamtvermögen, der stets über 50 % liegt, ja in manchen Gesellschaften auf über 90 % steigen kann.«17

Geradezu erschreckend sind die in den Tabellen 7.1 bis 7.318 dargestellten Ergebnisse: Nimmt man Arbeits- und Kapitaleinkommen zusammen, sollen im Jahr 2010 in Europa die reichsten 10 % der Bevölkerung über 35 % dieser Einkommen verfügt haben, die ärmsten 50 % hingegen nur über 25 %. Krasser noch in den Vereinigten Staaten: Hier sollen die Oberschichten über 50 % der Einkommen verfügt haben, die Unterschichten hingegen gerade über 20 %. Dieses Verhältnis soll sich im Jahr 2030 auf 60 % zu 15 % ändern [!]. Sodann geht Piketty auf die Zusammensetzung dieser verschiedenen Gesellschaftsgruppen genauer ein. Wohl über diesen Befund selbst erschüttert, findet sich im Text folgender Satz: »Diese fundamentale Realität – das Kapital ist so konzentriert, dass weite Teile der Bevölkerung sich gar keinen Begriff von seiner Existenz machen und sich zuweilen vorstellen, es befinde sich im Besitz irgendwelcher irrealer oder mysteriöser Wesen – macht die methodische und systematische Erforschung des Kapitals und seiner Verteilung umso unverzichtbarer.«19

Sodann wird der Frage nachgegangen, wie und warum sich diese Ungleichheiten seit dem 19. Jahrhundert gewandelt haben. Piketty beginnt in dieser historischen Herangehensweise wieder mit Frankreich, geht über zu den Vereinigten Staaten und geht am Ende des 8. Kapitels allgemeineren Fragen nach Finanzkrise und ›Supergehältern‹ nach. Den einzigen Grund oder Hauptgrund der Finanzkrise 2008 sieht Piketty nicht in der wachsenden Ungleichheit, aber im strukturellen Anstieg des Kapital-Einkommens-Verhältnisses, begleitet von einem starken Anstieg internationaler Bruttovermögenspositionen, einen entscheidenden Faktor für die Instabilität des internationalen Finanzsystems.

Detailliert beschäftigen sich die beiden folgenden Kapitel mit der Ungleichheit der Arbeitseinkommen und des Kapitaleigentums. Hier lohnt die Lektüre insbesondere wegen Ausführungen zu Fragen eines Mindestlohns, der hierzulande im vergangenen Jahr stark diskutiert wurde und immer noch wird. Für das Kapitaleigentum betont Piketty noch einmal die stärkere Konzentration als bei den Arbeitseinkommen. Wegen der besonders ergiebigen Quellenlage beginnt er wiederum mit Frankreich, betrachtet dann Großbritannien, Schweden und die USA und kommt zu der Erkenntnis, dass es einen historisch gewachsenen (und nicht zwingend logischen) Mechanismus der Hyperkonzentration von Vermögen gebe: Bis zum Ersten Weltkrieg habe es sich um Gesellschaften gehandelt, die sich durch schwaches Wachstum und eine Kapitalrendite deutlich und dauerhaft über der Wachstumsrate auszeichneten. Für die längste Zeit der Geschichte habe die Rendite das Zehn- bis Zwanzigfache der Wachstumsrate der Produktion und des Einkommens betragen. Er prognostiziert für das 21. Jahrhundert eine Rückkehr des Verhältnisses zwischen Kapitalrendite und Wachstum zu Bedingungen während der Industriellen Revolution. Abhängig sei diese Entwicklung freilich von ›Schocks‹ wie Kriegen und Finanzkrisen, aber auch von politischen Entscheidungen zur Regulation des Verhältnisses Kapital/Arbeit. Die Ungleichung r (Kapitalrendite) > g (Wachstum) ist die zentrale Erkenntnis des Buchs.

En detail untersucht Piketty dann noch die Bedeutung von Verdienst und Erbschaft auf lange Sicht und die Zusammenhänge mit der Ungleichung r > g. »Wir leben, anders gesagt, nicht mehr in einer Gesellschaft großer Rentiers, sondern in einer Gesellschaft mit einer sehr viel größeren Zahl weniger großer Rentiers.«20 Und weiter: »Die Rückkehr der Erbschaft im globalen Maßstab ist zweifellos eine Perspektive für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts. In den kommenden Jahrzehnten wird sie dagegen eine Realität sein, die Europa und in geringerem Maße die Vereinigten Staaten betrifft.«21

Im letzten Kapitel des Hauptteils betrachtet Piketty die Vermögensungleichheit des 21. Jahrhunderts in globalem Maßstab. Als instruktives Beispiel wird das Vermögen von US-amerikanischen Eliteuniversitäten angeführt. Man erschrickt zum einen über die enormen Summen und Renditen, die Universitäten wie Harvard auf Kapitalmärkten einsetzen und erhalten, zum anderen wird der Charakter dieser Eliteschulen deutlich: Bildungseinrichtungen von Superreichen für Superreiche – denn Zulassungen zum Studium würden vor allem von Spendengeldern der Eltern der jeweiligen Kandidaten und Kandidatinnen abhängig gemacht.

Der letzte Teil Die Regulierung des Kapitals im 21. Jahrhundert22 greift aktuelle politische Themen auf und stellt Verbindungen zu den bisher gewonnen Erkenntnissen her und bietet Lösungen für die erkannten Probleme an. »Es gilt neue Instrumente zu erfinden, um die Kontrolle über einen außer Rand und Band geratenen Kapitalismus zurückzugewinnen.«23

Nach der Betrachtung der Entwicklung des Sozialstaats macht sich Piketty für eine Modernisierung desselben stark und argumentiert gegen dessen Abbau. Hierbei spielten Zugang zu Bildung und die Altersversorgung entscheidende Rollen.

Für Industrieländer fordert Piketty eine progressive Einkommenssteuer mit Spitzensätzen (für Einkommen über ½ oder 1 Million Euro) von 80 % – und zwar nicht, um dem Staat merklich mehr Einnahmen zu generieren, sondern der Zweck ist ein anderer: Eine solche Steuer würde diese Art der Vergütung drastisch einschränken, ohne der Produktivität der Gesamtwirtschaft Abbruch zu tun – und damit für mehr soziale Gerechtigkeit führen.

Das gleiche gelte für eine globale, progressive Kapitalsteuer: »Nicht Finanzierung des Sozialstaats, sondern Regulierung des Kapitalismus ist die Hauptrolle der Kapitalsteuer.«24 Sie brächte aber gleichviel nicht unerhebliche Einnahmen für den Sozialstaat. Freilich bleibe diese Kapitalsteuer eine »nützliche Utopie«,25 für die erst einmal erhebliche Widerstände zu überwinden seien: politischer Widerstand und Vermögensintransparenz, um nur die wichtigsten zu nennen.

Zuletzt widmet er sich hochaktuellen politischen und ökonomischen Themen: Staatsverschuldung, Inflation, europäische Integration, die Rolle der Zentralbanken, Merkels Sparpolitik für Europa, die Zypern-Krise und ihre Verstrickungen mit Russland, schließlich sogar die globale Erderwärmung und Rolle der Demokratie bei Bekämpfung sozialer Ungleichheit: »Soll die Demokratie eines Tages die Kontrolle über den Kapitalismus zurückgewinnen, wird man zuallererst von dem Prinzip ausgehen müssen, dass die konkreten Formen der Demokratie und des Kapitals wieder und wieder neu zu erfinden sind.«26

Die Schlussbetrachtung27 resümiert die Ergebnisse und kommt schließlich auf das Verhältnis von Historikern und Sozialwissenschaftlern und insbesondere die Rolle der Ökonomen zu sprechen.

Lob verdient die Ausstattung des Buchs: Neben dem sehr gelungenen Umschlag nach einem Originaldesign von Graciela Galup mag zwar die goldfarbene Einbindung überraschen, kann aber auch als wohlplatzierter Scherz verstanden werden. Das fast perfekt und großzügig gesetzte Buch macht Spaß beim Aufschlagen; die Grafiken und Tabellen sind sinnvoll verteilt, stets gut erkennbar und immer kommentiert (entweder im Haupttext oder über die Anmerkungen in den Grafiken und Tabellen selbst, die oft auf den technischen Anhang verweisen).

Manchmal verschiebt Piketty die tiefergehenden Ausführungen in die Fußnoten oder in den technischen Anhang (s. u.), was einerseits unterschiedlich intensive Lektüren ermöglicht, andererseits in vielen Fällen schade ist, weil die Ausführungen doch besser in den Haupttext gepasst hätten.

Das Buch schließt mit einer detaillierten Inhaltsübersicht und einem Personenregister ab. Leider fehlt ein Literaturverzeichnis; dieses wurde zusammen mit weiteren Grafiken und Tabellen in den Online-Apparat ausgelagert: http://piketty.pse.ens.fr/capital21c – in einen riesigen technischen Anhang, der erahnen lässt, dass das Buch ohne Auslagerung dieser Inhalte mindestens hundert Seiten länger ausgefallen wäre – 15-20 Seiten mehr für ein Literaturverzeichnis und ein Sachverzeichnis hätten die Ausstattung indes perfekt erscheinen lassen.

Den Übersetzern ist es gelungen, die oftmals schwierige Materie in eine angenehme sprachliche Form zu bringen; dem Buch gelingt der Spagat zwischen Lesbarkeit und Verständlichkeit einerseits, wissenschaftlichem Anspruch und Genauigkeit andererseits. Sätze, wie auf S. 238, die sich über zehn Zeilen erstrecken, bilden glücklicherweise die Ausnahme. Insgesamt ist die Sprache des Textes sehr ansprechend.

Piketty gelingt mit seinem Buch dreierlei: Zum einen wagt er die Auswertung von Quellen der Kapitalverteilung über einen Zeitraum von knapp 250 Jahren in 20 Gesellschaften und Ländern der Erde; hierbei ist noch einmal die Diversität der herangezogenen Quellen zu betonen: von Steuerstatistiken über Austen– und Balzac-Romane hin zu Forbes-Ranglisten, Disney-Verfilmungen und aktuellen TV-Serien – der Historiker frohlockt angesichts dieser Quellenauswertung; insofern gibt er nicht »den gegenwärtigen Stand der historischen Kenntnisse«28 wieder, sondern er schafft ihn hiermit und zieht Schlüsse daraus. Eine Pionierleistung.

Zum anderen gelingt es Piketty, eine allgemeinverständliche Synthese aus politischer Ökonomie und sozialhistorischer Studie zu schaffen. Die eingangs formulierte Frage ist mit »nein« zu beantworten: Jedenfalls für den Historiker ist das Buch nicht »zu ökonomisch« geraten und mutmaßlich für den Ökonomen nicht »zu historisch«. Es stellt auch insofern eine Pionierleistung dar, als es sowohl interessierte Laien, als auch Historiker, wie auch Ökonomen ansprechen kann.

Schließlich bezieht Piketty klar Stellung und schlägt konkrete und verständliche Schlüsse aus seinen Studien – wenn auch utopische, wie er selbst schreibt.

Man darf gespannt sein: Angekündigt ist ein ›Ergänzungsband‹ namens ›Die Schlacht um den Euro. Interventionen‹, der im März 2015 bei C.H.Beck erscheinen soll und wohl die hier gestreiften Diskussionen um Euro, Zentralbank und europäische Integration mittels Beiträgen Pikettys zu diesen Themen vertiefen soll. ›Das Kapital im 21. Jahrhundert‹ ist eine beeindruckende, erschütternde und kluge Untersuchung, die viele Leser gleich welcher politischen Couleur und Interessen finden sollte.

PDF: ‚Die Vergangenheit frisst die Zukunft.‘ Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014

1 Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, S. 33.

2 Zu Piketty siehe auch: ›Zensur im 21. Jahrhundert‹, http://www.floliant.de/2014/05/zensur-im-21-jahrhundert/.

3 Piketty, Kapital, S. 13-57.

4 Ebd., S. 30.

5 Ebd., S. 31.

6 Ebd., S. 35.

7 Ebd., S. 37.

8 Ebd., S. 59-150.

9 Ebd., S. 110.

10 Ebd., S. 133.

11 Ebd., S. 151-310.

12 Ebd., S. 183.

13 Ebd., S. 220.

14 Ebd., S. 786.

15 Ebd., S. 310.

16 Ebd., S. 311-624.

17 Ebd., S. 322.

18 Ebd., S. 326-328.

19 Ebd., S. 340.

20 Ebd., S. 560.

21 Ebd., S. 571.

22 Ebd., S. 625-784.

23 Ebd., S. 631.

24 Ebd., S. 701.

25 Ebd., S. 698.

26 Ebd., S. 784.

27 Ebd., S. 785-793.

28 Ebd., S. 785.