Hans-Ulrich Wehler ist tot. Zum Anlass nimmt man dieses Ableben, einem bedeutenden Historiker ein Denkmal zu setzen, und so versteht sich auch dieser Beitrag: Als Denkmal einerseits, »andrerseits« als Synthese der Nachrufe, die in der folgenden Woche seines Ablebens in den deutschen Zeitungen zu lesen sind. Mit anderen Worten: Warum war Hans-Ulrich Wehler wichtig für dieses Land? Sehen wir uns vier Nachrufe genauer an: die der ZEIT, der FAZ, der SZ und der TAZ.

Alle waren sich einig: Hans-Ulrich Wehlerwar ein wichtiger Historiker der Bundesrepublik Deutschland. Maßgeblich dafür waren die Bedingungen seiner wissenschaftlichen Sozialisation: Unter Theodor Schieder promoviert, nach Studium der Geschichts- und Sozialwissenschaften und der Volkswirtschaft in Köln, Bonn und Athens/USA, erwuchs eine dem Geist der Zeit typische »kritische« Auseinandersetzung mit den Methoden und Theorien der akademischen Lehrer. Also weg von »großen Männern der Geschichte«, hin zu sozialen Strukturen, systematisch in den Kategorien von Wirtschaft, sozialer Ungleichheit, Politik und Kultur – die historische Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgeschichte war geboren. Was »Begrifflichkeit« und »wissenschaftlichen Stil« von Wehler angeht, sei er mehr Max Weber gefolgt (so Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung Nr. 154 vom 8. Juli 2014, S. 11) als den akademischen Lehrern. Aber hier scheint eine weitere Kurz-Biographie Wehlers auf, die man besser in den zitierten Zeitungen nachlesen kann, am prägnantesten formuliert von Volker Ullrich in: DIE ZEIT vom 10.07.2014, S. 14. An selber Stelle findet sich auch eine konzentrierte Darstellung von Wehlers Programm durch seinen langjährigen Freund und Kollegen Jürgen Kocka: »das leitende Erkenntnisinteresse am Zusammenspiel von wirtschaftlichem, sozialem und politischem Handeln [man ergänze: von kulturellem Handeln]; die Pflicht der Historie zur politischen Pädagogik im Zeichen der Aufklärung; die Kritik am Historismus und an seiner Überbetonung der Politikgeschichte.« Übereinstimmend betont werden Wehlers Arbeitswut, seine Empirik und Polemik, wobei Stefan Reinecke in der TAZ vom 08.07.2014 auf S. 12 über das Zusammenspiel von Empirik und Polemik wundert.

Welche Akzente setzen die Zeitungen? Die TAZ kritisiert Wehler vor allem wegen dessen Auffassungen zur DDR und Migration: »Der Historiker der Bundesrepublik hat am Ende die Republik nicht mehr verstanden.« (Stefan Reinecke, in: TAZ vom 08.07.2014, S. 12) Einige Irrtümer werden Wehler hier attestiert. Insbesondere die Auffassung Wehlers zur DDR scheint nicht mit den politischen Überzeugungen der TAZ vereinbar zu sein, gar »eine Art generationeller Beschränktheit« (ebd.) in manchen Dingen wird ihm vorgeworfen (Hedonismus, Gender-Themen, Post-68er).

Deutlich besser kommt Wehler bei der FAZ weg, worin auch sein langjähriger Freund Jürgen Habermas schreibt: Er betont die »beispiellose Arbeitsleistung und konstruktive Kraft« Wehlers, seine bedeutende Rolle in der Welt durch »[s]eine prononcierte Hinwendung zur Sozialgeschichte, also die aufklärende Einbettung der politischen und kulturellen Geschichte in ökonomische und gesellschaftliche Kontexte« (Jürgen Habermas, in: FAZ vom 08.07.2014, S. 9). Patrick Bahners schreibt an gleicher Stelle von Wehlers Zielvorstellung: Individuen und Gesellschaft sei auf die Erreichung von Zielen verpflichtet, »die der Historiker aus der Entwicklung herausliest«. Zentral sei diese Zielsetzung für Wehlers Arbeit gewesen, »und zwar sowohl für den Gegenstand als auch die Methode.«

Der Historiker Norbert Frei meint in DIE ZEIT vom 10.07.2014 auf S. 14, dass Wehler erst »nach Dienstschluss« an der Universität in der Zeitgeschichte angekommen sei und stellt zum einen fest, Wehler habe nicht mehr Gesellschaft, sondern Politik und die »charismatische Herrschaft« an den Anfang gesetzt, zum anderen relativiert er das Diktum des »streitbaren Geistes« – weil Wehler nie destruktiv, sondern stets sportlich vorgegangen sei.

Entschieden widersprochen sei den Beiträgen an zwei Stellen. Erstens: Gustav Seibt schreibt: Wehler »verteidigte gar Thilo Sarrazin als streitbaren Statistiker« (SZ vom 08.07.2014, S. 11, ähnlich auch Reinecke in: TAZ vom 08.07.2014, S. 12: »Das war nicht weit von Sarrazin entfernt.«). Wehler kritisierte den »miserablen Stil der Sarrazin-Debatte«, die »Diskussionsverweigerung«: »Die voreilig geäußerte vernichtende Kritik sollte offenbar bereits im Vorfeld dieser Anstrengung schon so vehement intervenieren, dass im Grunde jede ruhige Diskussion abgewürgt wurde.« (Wehler, Die Deutschen und der Kapitalismus, München 2014, S. 61) Eine Äußerung zur Haltbarkeit von Sarrazins Behauptungen findet sich im jüngsten Beitrag nicht, eine Annäherung im Sinne der TAZ schon gar nicht. Allein die Aussage, das Buch speichere wichtige Probleme, die erörtert werden müssten, ist keine Zustimmung zur Aussage des Buches.

Zum zweiten schreibt Seibt an gleicher Stelle von seiner »unterkühlten Sprache«. Sicher, der schreibende Historiker kann nicht den Wissenschafts-Duktus hinter sich lassen, indes war sein Stil nie unterkühlt. Sachlich, analytisch, »schnörkellos« ja, aber nie unlebendig, insbesondere nicht in seinen jüngeren Essaysammlungen.

Bahners (FAZ vom 08.07.2014, S. 9): »Staunend und nachdenklich stehen wir vor dem Werk des großen Historikers«. Das treffende Zwischenfazit, denn Wehlers Langwirkung wird sich noch zeigen. Zunächst warten wir mit Spannung auf eine Biographie, die bald angegangen werden sollte: Warum nicht Wolfram Siemann, wenn er seine Metternich-Biographie abgeschlossen hat?

Abschließend soll hier eine stellenweise kommentierte Bibliographie geboten werden, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit verfolgt:

Sicher am wichtigsten und bekanntesten ist das Opus magnum: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, fünf Bände, München 1987-2008. Das Gesamtwerk ist vom »leitenden Erkenntnisinteresse« (s.o.) geprägt, umfasst 4800 Seiten und darf in keinem Bücherschrank fehlen. Die wichtigste seiner 13 Essaysammlungen dürfte wohl sein: Die Neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, 4. Auflage, München 2013. Sie war ein Bestseller im vergangenen Jahr. Hingewiesen sei aber auch auf seine letzte Essysammlung: Die Deutschen und der Kapitalismus. Essays zur Geschichte, München 2014. In beiden Sammlungen kommt verstärkt die Hinwendung zur jüngsten Zeitgeschichte und politische Analysen zum Ausdruck. Für Studierende dürfte dieses Bändchen interessant sein: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, 4. Auflage, München 2011 – eine konzise Nationalismus-Untersuchung auf 122 Seiten mit kommentierter Bibliographie. Erwähnt werden müssen auch seine Monographien: Der Nationalsozialismus. Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen, München 2009 und: Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, 7. Auflage, Göttingen 1994, das zum Schulbuchklassiker avanciert sein soll. Schließlich noch zwei wichtige Herausgeberschaften: Deutsche Historiker, Göttingen 1973 – unverzichtbar bei biographischer Annäherung an Historiographiegeschichte und schließlich die ›Neue Historische Bibliothek‹ im Suhrkamp-Verlag.