Oxford Univerity Press, 137 Seiten, 19 Abbildungen, broschiert, ISBN 378 0 19 285352 3

John H. Arnolds Einführung in die Geschichte1 ist in drei Teile gegliedert: Der erste Teil (Kapitel 1-3) soll Fragen aufwerfen, das Interesse des Lesers erregen und darstellen, was Geschichte in der Vergangenheit war. Der zweite Teil (Kapitel 4 und 5) behandelt den Umgang mit Quellen und deren Interpretation, der letzte Teil (Kapitel 6 und 7) die Bedeutung von Geschichte und Wahrheit. Interessant dürfte sein, ob der Professor der Universität East Anglia mit einem Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Geschichtsphilosophie einen anderen Zugang zur Geschichtswissenschaft wählt, als seine deutschen Kollegen in deren Einführungen.2

Im ersten Kapitel erläutert Arnold seine Begrifflichkeiten anhand einer Geschichte um Ketzer und deren Verfolgung in den Pyrenäen des frühen 14. Jahrhunderts, wirft Fragen an die Geschichte auf, erklärt, wie Geschichte in die Welt kommt, beleuchtet die Unterschiede zwischen Heute und Damals und macht den Unterschied zwischen der ›Vergangenheit‹ und der ›Geschichte‹ im Sinne einer Geschichtsschreibung deutlich. Denn Geschichte sei nur das, was Historiker für erzählenswert erachten.3 Wichtig seien indes Interpretation und Argument, nicht nur die Präsentation der Vergangenheit (wie es der Historismus im 19. Jahrhundert propagierte). Schließlich will Arnold deutlich machen, dass es verschiedene Geschichten gibt – abhängig von den Fragen, die an die Vergangenheit gerichtet werden (Geschichte der Ketzerei und ›Inquisition‹, des Verbrechens, der Landwirtschaft und Architektur).

Im folgenden Kapitel widmet sich Arnold der Erkenntnis, dass Geschichte immer, wann sie auch geschrieben werde, etwas über die jeweilige Gegenwart aussage, für die Menschen aber auch immer von unterschiedlicher Bedeutung gewesen sei. Er bietet eine kurze Geschichte der Geschichte, was die Menschen in der Antike, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit unter Geschichte verstanden und liefert hierfür Beispiele, etwa Herodot, Eusebius und Jean Bodin. Er schildert den Wandel, die Suche nach der Wahrheit in der Antike über die zweckgerichtete Geschichtsschreibung des Mittelalters hin zur Wiederentdeckung des Wahrheitspostulats in der Renaissance.

Das dritte Kapitel blickt in die Zeit zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert. Arnold wirft die Fragen auf nach Objektivität, dem Umgang mit historischem Material und dem Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ausgerechnet der Glaube habe in der Frühen Neuzeit die Historiker veranlasst, erneut die Wahrheit in den historischen Prozessen zu suchen. Unter dem Wahrheitspostulat nutzten Katholiken wie Protestanten die Geschichte zur Unterstützung ihrer Glaubenssache. Anhand des Nachweises des Lorenzo Valla, dass die ›Kontantinische Schenkung‹ eine Fälschung war, geht er den drei aufgeworfenen Fragen nach. Er beleuchtet, wie Antiquare und Philologen mittels sachgerechtem Umgang mit alten Dingen und Textkritik die Geschichtsschreibung veränderten. Der Umgang mit Quellen rückte in dieser Zeit in den Vordergrund.

Zu einer erneuten Gegenbewegung sei es mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert gekommen: Mit der Betonung von Vernunft, Natur und dem Menschen im Mittelpunkt wollten Voltaire und andere die großen Fragen der Menschheit aufwerfen und nicht allein Politikgeschichte betreiben. Näher geht Arnold auf Edward Gibbons Werk ›The Decline and Fall of the Roman Empire‹ ein, worin Quellenarbeit, rhetorische Erzählung und Aufklärungselemente zum ersten mal vereint wurden und Gibbon damit als früher und wirksamer ›Historiker‹ gelten könne.

Hiergegen wiederum habe sich Leopold von Ranke gewandt. Er lehnte die Urteile über Geschichte der Aufklärungshistoriker ab und wollte schlicht aufzeigen, »wie es tatsächlich gewesen ist«. Arnold betont einerseits Rankes Bedeutung als Begründer der Geschichte als Metier, andererseits aber auch die Rückkehr zur politischen Geschichte und die Betrachtung der »großen Männer«, wofür der Historismus so bekannt ist.

Am Schluss des dritten Kapitels wird noch kurz die Institutionalisierung des Fachs Geschichte an den europäischen Universitäten behandelt.

Das vierte Kapitel handelt von Quellen. Geschichte könne auf zwei Arten beginnen: mit den Quellen oder mit den Interessen, Ideen, Umständen und Erfahrungen des Historikers. Bevor aber der Umgang mit Quellen selbst angegangen wird, stellt Arnold die Bedeutung der Archive heraus, wo die Quellen aufbewahrt und zugänglich gemacht werden. Er definiert Quelle ähnlich wie Paul Kirn, als alles, was »Spuren der Vergangenheit«4 hinterlassen hat und zählt etliche Beispiele hierfür auf. Anders als die oben zitierten deutschen Einführungen erläutert Arnold den Quellenbegriff anhand eines konkreten Beispiels: Er beschreibt das ›Yarmouth Assemly Book‹ (1625-1642) und zitiert einen Abschnitt hieraus, eine von der Kommune bewilligte Zahlung an eine Mrs. Burdett, deren Mann nach Amerika auswanderte. Hier ergäben sich notwendige Fähigkeiten des Historikers: Paläographie und Sprachkenntnisse. Aber Geschichte sei das freilich noch nicht: der Kontext fehle, das »Haus selbst« müsse noch konstruiert werden. Bevor jedoch die ›Fragen‹ angegangen werden, die eine Konstruktion des Hauses zulassen, springt Arnold zur Quellenkritik, dabei insbesondere zum Problem der Fälschungen und der Voreingenommenheit des Historikers. Er erteilt einer ›Objektivität‹ eine Absage und begrüßt die Voreingenommenheit als nützliches Mittel – so man richtigen Umgang mit ihr pflege. Zur inneren Quellenkritik merkt er an, dass die Quellen nicht für sich sprächen, sondern die Nuancen, Lücken, Rhytmen und Synkopen beachtet werden müssten. Deutlich werde beim Zusammensetzen des Bildes der Mrs. Burdett auch, dass sich das Haus nicht nur aus Quellenarbeit zusammensetzen lasse, sondern auch aus Einbeziehung der Arbeit anderer Historiker – denn ein Gesamtbild lasse sich nur mit Hintergrundinformationen malen.

Arnold schildert im Rest des Kapitels, wie man den Weg des Mr. Burdett nach Amerika verfolgen könnte, wie sich neue Fragen und damit Quellen, aus neuen Quellen weitere Fragen ergeben könnten – irgendwann jedoch schwiegen die Quellen und dann müsse der Historiker zur Interpretation übergehen – nach Arnolds Verständnis Vermutungen, die der Historiker dem »Schweigen der Quellen« entnehmen müsse.5 Schließlich schildert Arnold, wie aus dieser Geschichte Interesse an weiteren Geschichten entstehen kann: etwa Hexenprozesse in Neuengland, die zwar nichts mit den Burdetts zu tun haben, aber bei der Quellenrecherche ins Auge fielen. Und er betont: Geschichte beginne zwar bei den Quellen, aber auch bei den Lücken in und zwischen den Quellen.

Das folgende Kapitel soll erklären, wie Historiker die zahlreich zur Verfügung stehenden Materialien zu Synthesen verdichten können. Arnold grenzt aber ersteinmal Politikgeschichte von Sozialgeschichte ab und verortet sich dabei selbst, denn deutlich kritisiert er die »Geschichte der großen Männer« und betont die Wechselwirkung zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur. Die großen Synthesen seien »nützlich und unvermeidbar«, stellten aber nicht die Wirklichkeit dar, sondern müssten stets Bereiche dieser Wirklichkeit ausklammern.6 Hierbei ergäben sich Muster der Vergangenheit, ob diese aber schon da seien oder der Historiker sie selbst kreiere, bleibe unklar und schaffe die Verantwortung des Historikers, seine Vorgehensweise nicht als einzige Möglichkeit hinzustellen, Geschichte zu erzählen. Am Ende benennt Arnold sein Muster: Dass Menschen die Dinge mit bestimmten Zielen täten, aber niemals die Perspektive einnehmen könnten zu sehen, welche Ziele sie mit ihrem Tun, das in Bedingung zum Tun anderer stünde, erreichen. »Irgendwo in diesen Mustern, die sich aus zusammenstoßenden Wellen ergeben, passiert Geschichte.«7

Das sechste Kapitel behandelt zunächst die Annales-Schule um Lucien Febvre und Marc Bloch, deren Begrifflichkeiten und Ansätze, deren Interessen um Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, aber auch Klima und Geographie, kurz: der anthropologische Ansatz weg von der Politikgeschichte, der unter das Schlagwort ›Mentalitätsgeschichte‹ gefasst werden könne.

Weiter behandelt Arnold die Themen Zeit, Zeitempfinden und Zeiteinteilungen: Epochen, Kalender und neuere Einteilungen der Zeit.8 Vorsichtig müsse man mit Quellen umgehen, so man Mentalitätsgeschichte betreiben wolle, da Texte ihre Bedeutung verändern könnten. Er nennt hier ein schönes Beispiel: Bruce Springsteens ›Born in the USA‹ als Nach-Vietnams-Protestsong, der bald als von »patriotischem Stolz getragene Hymne der Reagen-Regierung« umgedeutet worden sei.9 So müssten Quellen »gegen den Strich« gelesen werden. Dabei spiele wieder die Sprache eine entscheidende Rolle – der Historiker müsse sich der sprachlichen Nuancen vergangener Zeiten klar werden. Überraschenderweise fällt in diesem Zusammenhang nicht das Wort ›conceptual history‹, zu Deutsch: Begriffsgeschichte.10 Als Beispiel wählt Arnold hier unter anderem den viel kritisierten Begriff ›Feudalismus‹, der sich aber halte, vermutlich, weil er eben eine »nützliche Abkürzung« sei.11

Die aufgeworfene Frage, die die Zunft der Historiker in zwei Lager spalte, ob Menschen früherer Zeiten anders waren, als wir es heute sind, beantwortet Arnold am Ende mit der Aussage, die Menschen früherer Zeiten seien so anders im Vergleich zu uns, wie wir heute anders im Vergleich mit uns selbst seien. So könne der Historiker helfen, sich selbst heute anders zu sehen.

Das Buch schließt mit einem Kapitel über die Bedeutung der Wahrheit für die Geschichte und Arnold nennt drei Gründe, Geschichtswissenschaft zu betreiben: 1. Freude an der Beschäftigung mit alten Dingen, 2. ein anderes und vielleicht besseres Verstehen unserer heutigen Welt, indem der Historiker aus seiner Welt austritt und eine andere betritt, 3. Geschichte als Argument der Änderung bestehender Dinge.

Resümee: Den britischen Historiker treiben die gleichen Fragen an, wie den deutschen Historiker. Es gibt Unterschiede in der Darstellung (das mag auch Arnolds Zugang bzw. der Reihe ›Very Short Introductions‹ geschuldet sein), nicht aber in der Sache. Mehr als Probleme aufreißen kann Arnold nicht, die Themen könnten in einem deutschen ›Problemaufriss‹ freilich genauso daherkommen. Dass er insbesondere dem Umgang mit Quellen und der Historiographiegeschichte viel Raum bietet muss ebenso gelobt werden wie die interessant gewählten Beispiele. Die Hälfte der Abbildungen hätte ausgereicht, stattdessen wären mehr Literaturangaben wünschenswert gewesen (immerhin bietet Arnold eine kommentierte Bibliographie über Literatur zu den jeweiligen Kapiteln). Schade und unverständlich ist, dass er die Begriffsgeschichte an der passenden Stelle nicht einmal erwähnt, obgleich er bemüht ist, die verschiedenen Ansätze zur Geschichte deutlich zu machen.

Das Buch hält, was es verspricht: eine sehr kurze Einführung zum Thema Geschichte (im Sinne von Geschichtswissenschaft) und kann dem empfohlen werden, der mit britischer Geschichtswissenschaft nicht vertraut ist (schon wegen der Begrifflichkeiten) oder eine Idee gewinnen will, was Geschichtswissenschaft heute leisten kann und will und wie sie dorthin kam.

PDF: Rezension zu John H. Arnold, History. A Very Short Introduction, Oxford u. New York 2000

1 John H. Arnold, History. A Very Short Introduction Bd. 16, Oxford/New York 2000; auch auf deutsch: Arnold, Geschichte. Eine kurze Einführung, Stuttgart 2001.

2 Vgl. etwa Volker Sellin, Einführung in die Geschichtswissenschaft, Göttingen 20082; Stefan Jordan, Einführung in das Geschichtsstudium, Stuttgart 2005.

3 Arnold, History, S. 8.

4 Ebd., S. 60.

5 Ebd., S. 75.

6 Ebd., S. 90 f.

7 Ebd., S. 93.

8 Vgl. hierzu Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2011, S. 84-128.

9 Arnold, History, S. 104.

10 Vgl. Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichte, in: Stefan Jordan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 40-44.

11 Arnold, History, S. 107.