C.H.Beck, 400 Seiten, 12 Abbildungen, broschiert, ISBN 978-3-406-65937-9

Deutsche Geschichte in einem Taschenbuch von 400 Seiten – kann ein solches Unterfangen auch den (angehenden) Historiker interessieren? Sicher: Großteils wird hier Handbuchwissen referiert, indes will das Buch keine Enzyklopädie sein und daher Schwerpunkte setzen. Diese werden gemeinsam mit Wissenschaftlern der jeweiligen Materie erörtert. In zwölf Einheiten werden die Themen chronologisch abgehandelt, wobei die Experten nur stellenweise zitiert werden. Deren Beiträge sind Interviews für ein Radio-Beitrag des Hessischen Rundfunks entnommen, die Einheiten selbst sind von Redakteuren und Journalisten verfasst und etwa je 30 Seiten lang. Voraus geht jedem Kapitel eine Auflistung der wichtigsten Ereignisse mit Zeitangaben.

Die Namen der beteiligten Wissenschaftler sind dem Historiker wohlbekannt. Gleichzeitig handelt es sich überwiegend um Verlagsautoren, was einmal mehr die Bedeutung des Beck-Verlags für die Geschichtswissenschaft unterstreicht.

Johannes Fried und Frank Rexroth behandeln das Mittelalter: Mit Karl dem Großen beginnt diese Darstellung der Deutschen Geschichte. Fried muss mit seinem Opus magnum als Experte für die Karlszeit gelten.1 Rexroth betreut das Kapitel über Hoch- und Spätmittelalter, der dem Publikum durch seine kleine Darstellung der Deutschen Mittelaltergeschichte, dem Historiker vor allem durch seine Dissertation zur Universitätsgeschichte2 bekannt sein dürfte. Schwerpunkte sind bei Fried: die Ottonen und ihre Etablierung der Reichsidee, die Salier und das große Morgenländische Schisma, schließlich Investiturstreit und Kreuzzüge, bei Rexroth dann gesellschaftliche Strukturen, die Staufer, Interregnum. Nur kurz behandelt werden Pest, Juden, Aufkommen der Universitäten und die Erfindung des Buchdrucks.

Für die Frühe Neuzeit zwischen 1517-1806 zeigen sich Hans-Jürgen Goertz, Georg Schmidt und Barbara Stollberg-Rilinger verantwortlich. Goertz ist vor allem für die Herausgabe des umfassenden Werks zu ›Geschichte an sich‹ bekannt.3 Georg Schmidt ist Verlagsautor, besonders bekannt durch seine Bücher zum Dreißigjährigen Krieg und Alten Reich.4 Und auch Stollberg-Rilinger tat sich durch ihre großartige Darstellung des Alten Reichs im Beck-Verlag hervor.5

Das Kapitel der Jahre 1517-1618 behandelt im Schwerpunkt natürlich Humanismus und Reformation, daneben auch Städteentwicklung, den Bauernkrieg und die Herausbildung des Kapitalismus (Goertz). Dem Dreißigjährigen Krieg wird ein eigenes Kapitel gewidmet, leider ohne auf Vorgänge außerhalb des Religionskonflikts und ›teutschen‹ Kriegs in den Jahren 1618-1648 einzugehen (Schmidt). Stollberg-Rilinger setzt für die Jahre 1648-1806 folgende Schwerpunkte: innere ›Verfassung‹ des Alten Reichs, die allmähliche Staatswerdung der deutschen ›souveränen‹ Fürstentümer, äußere Bedrohungen durch Ludwig XIV. und das Osmanische Reich, Absolutismus und Aufklärung, den innerdeutschen Dualismus und schließlich das Ende des Reichs.

Hans-Ulrich Wehler als bekanntester deutscher Gesellschaftshistoriker6 stellte sein Fachwissen für die Zeit des Vor- und Nachmärz 1806-1871 zur Verfügung. Die Kaiserzeit wird von John C. G. Röhl begleitet.7 Zum ›Langen 19. Jahrhundert‹ wird näher ausgeführt: die preußischen Reformen, Napoleons Siege und Niederlagen, Wiener Kongress und Deutscher Bund, Zollverein, die Revolution 1848/49, Aufstieg Preußens zur dominanten deutschen Macht, Kulturkampf, Bismarcks Bündnispolitik, Kolonialgeschichte, Industrialisierung & Flottenbau, Wilhelm II., Weltkrieg & Revolution.

Für das ›Kurze 20. Jahrhundert‹ wurden Heinrich-August Winkler für die Weimarer Jahre (1918-1933) befragt,8 Wolfgang Benz zu den wenigen Jahren Hitlerdeutschlands vor dem Krieg (1933-1939)9, Michael Wildt zum Zweiten Weltkrieg (1939-1945)10 und schließlich Manfred Görtemaker für die Jahre des geteilten Deutschland (1945-1989).11 Für die erste deutsche Republik werden insbesondere der Spartakusaufstand, der Versailler Vertrag und die Reichsverfassung behandelt, desweiteren die verschiedenen Kabinette, das Entstehen der Hitler-Bewegung, Reparationen und Besetzung des Ruhrgebiets, Inflation & Weltwirtschaftskrise, schließlich Hindenburg und das Ende der Republik. Der NS-Staat wird zunächst ›von innen‹ betrachtet, dann Reichstagsbrand & Ermächtigungsgesetz, die Konsolidierung des Regimes, die Olympischen Spiele 1936, Novemberpogrom & Kriegsvorbereitungen. Das Kapitel »Der Zweite Weltkrieg« verbindet die Themen Krieg, Holocaust und Stauffenberg-Attentat. Für die Jahre 1945-1989 werden folgende Schwerpunkte gewählt: Kriegsende, die Entstehung beider deutscher Staaten, 17. Juni 1953, Adenauer-Ära, die ›wilden‹ 60er Jahre, Brandt-Ära, Deutscher Herbst, Kohl-Ära und das Ende der DDR. Deutlich zu kurz kommt dabei das Thema Entnazifizierung – es wird auf knapp 1,5 Seiten abgehandelt, obgleich es für spätere Phänomene (Studentenproteste, RAF) konstitutiv war und bis heute wichtig ist.

Schließlich stellt Friedrich Schorlemmer seine Expertise für die jüngste Zeitgeschichte des wiedervereinigten Deutschlands zur Verfügung (1989-2013).12 Ins Auge fallen diese Themen: Aufarbeitung und Vermissen der DDR-Vergangenheit, Rechtsradikalismus, 11. September 2001, Hartz IV und das Wiederaufleben der Protestkultur (Stichwort »Stuttgart 21«).

Entgegen der kurzen Vorbemerkung gleicht das Werk doch eher einer Enzyklopädie, die eben doch »alle halbwegs wichtigen Jahreszahlen«13 gleich zu Beginn jeden Kapitels aufführt. Und so richtig es ist, dass Geschichte keine endgültige Wahrheit bereithält, so wenig erweckt das Buch den Anschein, sich diesem Diktum beugen zu wollen. Denn weder führt es die Forschungskontroversen aus, noch enthalten die Kapitel wenigstens Hinweise auf Uneinigkeiten, was den Eindruck erweckt, »so sei es wirklich gewesen«. So heißt es beispielsweise: »Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 […] wurden die Grenzen und Einflusszonen der fünf Europäischen Großmächte festgesetzt. Der Zustand von 1792 sollte wiederhergestellt, die Französische Revolution annuliert werden. Das Zeitalter der Restauration begann.«14 Dass ausgesprochen umstritten ist, ob diese Zeit überhaupt als restaurativ beurteilt werden kann bzw. wann diese Zeit anzusetzen ist, wäre zumindest eine Erwähnung wert gewesen.15 Die wenigen Anmerkungen weisen zwar die im Text zitierten Quellen nach, indes fehlen Hinweise auf Literatur. Weder wird dem Leser klar, auf welchem Forschungsstand das als sicher hingestellte ›Handbuchwissen‹ basiert, noch werden dem Leser Vorschläge zur weiterführenden Lektüre gemacht. Die fehlende Bibliographie ist das große Manko des Werks. Sicher hat es keinen wissenschaftlichen Anspruch und ist auch nicht für den Historiker gemacht, es wird in diesem Punkt aber nicht den eigenen Versprechungen der Vorrede gerecht. Kritik muss auch an den Quellenzitaten geübt werden, da auch hier das Problem der ›Höhenkammliteratur‹ auftritt: Auch die quellenreicheren Zeiten werden fast ausschließlich über Werke und Reden von Schriftstellern und Politikern zitiert. Schließlich dominiert die Politik- und Kriegsgeschichte auch die Themen und Schwerpunkte. Kultur- und Wirtschaftsgeschichte findet sich dagegen nur vereinzelt. Während der Dreißigjährige Krieg auf knapp 25 Seiten16 behandelt wird, fallen die Auswirkungen der Französischen Revolution mit fünf Seiten17 zu kurz aus. Meines Erachtens wurde manchmal der falsche Schwerpunkt gesetzt. Über die angefügten Kurzbiographien der Verfasser und Experten werden zwar weiterführende Werke genannt, eine echte Bibliographie, am besten kommentiert, fehlt leider völlig.

Das Buch ist für den interessierten Laien geeignet, der sich auf knappem Raum eine Übersicht über die Deutsche Geschichte verschaffen will, zumal es in einfacher Sprache gehalten ist und keine Kenntnisse voraussetzt und damit die Lektüre auch Freude bereitet. Fallen Begriffe, die der Laie womöglich nicht kennt, werden diese erläutert.18 Klar sein sollte aber: Geschichte ist kein Faktum, sondern wurde und wird von Historikern konstruiert. Das wird meines Erachtens nicht deutlich genug.

PDF: Rezension zu Unterwegs in der Geschichte Deutschlands

1 Johannes Fried, Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie, 4. Auflage, München 2014.

2 Frank, Rexroth, Deutsche Geschichte im Mittelalter, 3. Auflage, München 2012; ders., Deutsche Universitätsstiftungen von Prag bis Köln. Die Intention des Stifters und die Wege und Chancen ihrer Verwirklichung
    im spätmittelalterlichen deutschen Territorialstaat (Archiv für Kulturgeschichte 34), Köln u. a. 1992.

3 Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, 3. Auflage, Reinbek 2007.

4 Georg Schmidt, Der Dreißigjährige Krieg, 8. Auflage, München 2010; daneben: ders., Geschichte des Alten Reichs. Staat und Nation in der Frühen Neuzeit, München 1999.

5 Barbara Stollberg-Rilinger, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des Mittelalters bis 1806, 5. Auflage, München 2013; daneben: dies, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, 2. Auflage, München 2013.

6 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, fünf Bände, München 1987-2008. Wehler ist am 05.07.2014 verstorben.

7 Der deutsch-britische Historiker ist bekannt für seine dreibändige Wilhelm-Biographie: John C. G. Röhl, Wilhelm II., 3 Bände, München 1993-2009.

8 Heinrich-August Winkler, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der Ersten Deutschen Demokratie, München 1993; ders., Geschichte des Westens, 3 Bände, München 2009-2014.

9 Wolfgang Benz/Hermann Graml/Hermann Weiß (Hgg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 5. Auflage, München 2007.

10 Frank Bajohr/Michael Wildt (Hgg.), Volksgemeinschaft. Neuere Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009.

11 Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999.

12 Friedrich Schorlemmer (Hg.), Lebenswege – Gespräche mit Zeitgenossen, 8 Bände, Halle 1995-2009.

13 Dorothee Mayer-Kahrweg/Hans Sarkowicz (Hgg.), Unterwegs in der Geschichte Deutschlands. Von Karl dem Großen bis heute, München 2014, S. 11.

14 Ebd., S. 179.

15 Vgl. Hans Werner Hahn/Helmut Berding, Reformen, Restauration und Revolution 1806-1848/49 (= Bruno Gebhardt [Hg.], Handbuch der deutschen Geschichte Bd. 14), 10. Auflage, Stuttgart 2010, S. 44.

16 Mayer-Kahrweg/Sarkowicz (Hgg.), Unterwegs in der Geschichte, S. 107-133.

17 Ebd., S. 162-165.

18 Z. B. ›Pfalzen‹, ebd., S. 51.