Suhrkamp, 133 Seiten, broschiert

Die Lektüre von Horst Dippels Büchlein1 diente der Vorbereitung einer Quellenübung zur Amerikanischen Revolution im Rahmen des Geschichtsstudiums.2 Seltsam erschien, warum ein Werk von 1985, also ein bald 30 Jahre altes, zur Vorbereitung im Vorlesungsverzeichnis angegeben war. Sicher, die Monographie gibt nicht den neuesten Stand der Forschung wieder, dessen kann man sich sicher sein. Gleichviel sei es jedem empfohlen, der sich mit diesem Thema beschäftigen will. Für den Verfasser dieser Rezension stellt die Lektüre ein Schlüsselerlebnis der Befassung mit Geschichtswissenschaft dar.

Was hat das Buch zu bieten? Schon die Einleitung hat es in sich: Sie bietet eine kurze Historiographiegeschichte zur Amerikanischen Revolution in Verbindung mit einer Analyse der Revolutionsauffassungen. Sicher lässt schon der Herausgeber der Buchreihe erkennen, welcher Schule Dippel zuzuordnen ist, spätestens bei der Einleitung wird es erkennbar: Der Leser hat es mit einer sozial-/gesellschaftsgeschichtlichen Analyse der Revolution zu tun.

Seit den ersten Auseinandersetzungen mit der Revolution und ihrer historischen Verortung sei die historiographische Auffassung zwischen den Extremen der ›Konsens-Historiker‹ und der ›Konflikt-Historiker‹ geschwankt. Die einen (Ramsay, Weems, Warren, Bancroft, später Hartz, Tolles, Wood, Bailyn, Pocock) wollten das Konfliktpotential, ja den Revolutionscharakter der Vorgänge zwischen 1763-1787 auf dem nordamerikanischen Kontinent relativieren bis verharmlosen bzw. abstreiten, die Vorgänge vielmehr als »ideologischer, verfassungsrechtlicher, politischer Kampf«3 in allgemeinem Konsens aller amerikanischer Kolonisten verstanden wissen. Die anderen hingegen (Fiske, Becker, Beard, Jameson, später Ryerson, Nash, Countryman, Ekirch, Isaac) betonten die sozialen und ökonomischen Konflikte innerhalb der sich formierenden amerikanischen Gesellschaft. Dippel zählt zu diesen ›Konflikt-Historikern‹ und betrachtet die Jahre 1763-1787 unter der Prämisse, »daß es sich bei der Amerikanischen Revolution um mehr als einen reinen Unabhängigkeitskrieg handelte«,4 sondern sie als Gradmesser der Bewertung sozialökonomischer Probleme und der politischen Kultur Amerikas diene.

Aus dieser Prämisse erklärt sich der weitere Aufbau des Buches: Zunächst stellt Dippel im zweiten Kapitel das soziale Gefüge der Kolonien und die immanenten Konfliktpotentiale dar, bevor im dritten Kapitel Handlungsablauf und Analyse der Krise der Kolonialherrschaft ab Ende des Siebenjährigen Kriegs 1763 bis zum Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs 1775 geboten werden. Das vierte Kapitel stellt drei Ebenen der Geschehnisse zwischen 1775 und 1787 dar: 1) der Unabhängigkeitskrieg gegen England, 2) die Sozialkonflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, 3) die Verfassungsfrage um die innenpolitische Neuordnung. Das abschließende fünfte Kapitel resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und beleuchtet die Bedeutung der Amerikanischen Revolution.

Das Buch kommt schlicht daher, auf 133 Seiten im bewährten ›Edition Suhrkamp‹-Design. Die Anmerkungen sind ebenso knapp gehalten wie das Quellen- und Literaturverzeichnis. Dort werden hauptsächlich amerikanische Werke genannt, wie auch schon in der Einleitung die Historiographie anhand amerikanischer Autoren dargestellt wird. Das Buch besticht zwar nicht durch seine Ausstattung, diese ist aber ordentlich. Leider fehlt ein Register.

Angenehm ist Dippels Stil. Das Werk ist zwar nicht unanstrengend, dies liegt aber an der Informations- und Deutungsdichte auf engem Raum, nicht an Dippels Sprache. Zwar neigt er mancheinmal ohne Not zu überlangen Sätzen,5 überwiegend aber bleibt seine Sprache lebendig und anschaulich. Wenn gelegentlich von »Latifundien« oder den »beiden Karolinas«6 die Rede ist, merkt man dem Buch zwar sein Alter an, den Spaß an der Lektüre mindert das aber keineswegs.

Insbesondere im Kapitel über die Sozialkonflikte7 wird deutlich, dass die amerikanische sozioökonomische Elite ab 1763 eine schwierige Gratwanderung zu bewältigen hatte: Der Konflikt mit dem Mutterland ließ sich einerseits für eine Unabhängigkeit und Staatsgründung nutzbar machen, mit deren Folgen die Eliten ihre sozioökonomische Lage konsolidieren und ausbauen konnten, andererseits barg er die enorme Gefahr sozialer Unruhen, die auch tatsächlich ausgebrochen seien (stellvertretend für viele: die ›Shays Rebellion‹), aber nach vielen Jahren der Konsens-Historie kaum noch mit dem Begriff ›Amerikanische Revolution‹ in Verbindung gebracht werden. Als anschauliches Beispiel der »Vielschichtigkeit und Konfliktüberlagerung«8 dieser Revolution kann in der Tat die Entstehung des Staates Vermont dienen: 1777 seien die Sozialkonflikte in New York derart eskaliert, dass dies zu Gewalt und Abspaltung, man möchte fast meinen: Bürgerkrieg, geführt habe. Der Sozialkonflikt sei in der gesamten Revolutionszeit latent vorhanden gewesen und von den Eliten als Bedrohung empfunden worden.

Mit dieser Deutung der Revolution bleibt eine Sichtweise auf die historischen Ereignisse erkennbar, die auch erheblichen Einfluss auf die amerikanische Geschichtsschreibung hatten, ja auf das Selbstverständnis der heutigen amerikanischen Nation. Man vergleiche die Darstellung Dippels von 1985 mit der Darstellung im englischsprachigen Wikipedia,9 und stellt fest, dass aktuell wieder eine Deutung der Amerikanischen Revolution im Sinne (und auf Grundlage) der Konsens-Historie vorzuherrschen scheint.

Das Buch ist jedem uneingeschränkt zu empfehlen, der eine im Grundsatz nicht-überholte Darstellung der Amerikanischen Revolution und deren Historiographie sucht und zugleich etwas über die Nutzbarmachung der Geschichtsschreibung im Sinne nationaler Identifikationsfaktoren lernen möchte.

PDF: Rezension zu Horst Dippel, Die Amerianische Revolution 1763-1787, Frankfurt am Main 1985

1 Horst Dippel, Die Amerikanische Revolution 1763-1787 (Neue Historische Bibliothek, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler), Frankfurt am Main 1985.

2 Kurz dazu: In der Quellenübung wurden folgende Werke besprochen: Dippel, Amerikanische Revolution; Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, München 20092; Jürgen Heideking/Christof Mauch, Geschichte der USA, Tübingen 20086. Daneben wurden folgende Quellen besprochen: Declaration of the Causes of War; Declaration of Independence; Thomas Paine, Common Sense; Federalists; Antifederalists.

3 Bernard Bailyn, zitiert nach Dippel, Amerikanische Revolution, S. 15.

4 Ebd., S. 17.

5 Etwa ebd., S. 50, 82.

6 Ebd., S. 82; 84.

7 Ebd., S. 81-91.

8 Ebd., 84.

9 http://en.wikipedia.org/wiki/American_revolution [letzter Aufruf am 12.05.2014, 17.45 Uhr].